Trendfolge: dem eigenen Trend jeder Anlage folgen
Trendfolge setzt darauf, dass Märkte, die gestiegen sind, eine Weile weiter steigen und fallende weiter fallen. Anders als beim klassischen Momentum vergleicht sie nicht Aktien untereinander, sondern jede Anlage mit ihrer eigenen Vergangenheit (Time-Series-Momentum). Professionelle Trendfolger, sogenannte Managed-Futures-Fonds oder CTAs, handeln Futures auf Aktienindizes, Anleihen, Währungen und Rohstoffe, long wie short.
Was Trendfolge von Momentum unterscheidet
Beim Querschnitts-Momentum (Cross-Sectional Momentum) werden Aktien nach ihrer Rendite der letzten Monate sortiert: die Gewinner gekauft, die Verlierer verkauft. Jegadeesh und Titman (1993) haben diesen Effekt für US-Aktien dokumentiert, mit Haltedauern von drei bis zwölf Monaten. Ob der Gesamtmarkt steigt oder fällt, spielt dabei keine Rolle. Es zählt nur die relative Stärke.
Beim Time-Series-Momentum hängt die Position nur von der eigenen Vergangenheit einer Anlage ab: War ihre Rendite über die letzten zwölf Monate positiv, wird sie gekauft; war sie negativ, wird sie verkauft oder gemieden. Fallen alle Märkte, ist ein Trendfolger in allen short oder in Cash. Das macht die Strategie zu einem möglichen Schutz in langen Abschwüngen. Strategien mit relativer Stärke zwischen ganzen Märkten erklärt der Artikel Momentum-Strategien.
Signal und Positionsgröße
Position_t = Vorzeichen(Rendite der letzten 12 Monate) × Zielvolatilität / σ_t
Rendite_t+1 = Position_t × r_t+1- Vorzeichen
- +1 bei positivem, −1 bei negativem Trend
- σ_t
- aktuelle Volatilität der Anlage, z. B. aus den letzten Monaten
- r_t+1
- Rendite der Anlage im Folgemonat
Die Skalierung mit der Volatilität ist wesentlich: Ohne sie würden schwankungsreiche Märkte wie Rohstoffe das Ergebnis dominieren, und ruhige Märkte wie Staatsanleihen kaum zählen. Mit ihr trägt jeder Markt ungefähr gleich viel Risiko. Das ist dieselbe Idee wie bei Risk Parity. Statt des Vorzeichens der 12-Monats-Rendite verwenden viele Trendfolger gleitende Durchschnitte oder mehrere Zeitfenster gleichzeitig.
Umgekehrt verliert Trendfolge, wenn ein Trend abrupt dreht: Nach einem langen Anstieg fällt ein Markt stark, die Strategie ist noch long; nach einem Crash erholt sich der Markt schnell, die Strategie ist noch short. Solche Wendepunkte und Seitwärtsphasen mit vielen Fehlsignalen sind die typischen Verlustphasen.
Die einfache Variante: gleitender Durchschnitt
Für Privatanleger ohne Futures-Zugang ist eine Long-only-Variante üblich: Liegt der Kurs über seinem gleitenden Durchschnitt der letzten zehn Monate, wird investiert; liegt er darunter, geht das Geld in den Geldmarkt. Faber (2007) hat diese Regel für fünf Anlageklassen untersucht.
Erfundener Verlauf, Signal jeweils zum Monatsende. Die Regel steigt erst nach dem Hoch aus und erst nach dem Tief wieder ein: Sie vermeidet den größten Teil des Rückgangs, nicht die ersten Prozent.
„equity-like returns with bond-like volatility and drawdown“So beschreibt Faber das Ergebnis seiner Allokation seit 1972. Wichtig: Die Regel verringert vor allem die großen Rückgänge in langen Bärenmärkten. In schnellen Einbrüchen mit rascher Erholung, etwa im Frühjahr 2020, steigt sie oft spät aus und spät wieder ein.
Was die Forschung zeigt
Moskowitz u. a. (2012) haben Time-Series-Momentum in 58 liquiden Futures auf Aktienindizes, Währungen, Rohstoffe und Anleihen nachgewiesen, in jedem einzelnen der untersuchten Instrumente. Renditen setzen sich über ein bis zwölf Monate fort und kehren sich über längere Zeiträume teilweise um, passend zu Theorien, nach denen Anleger erst zu schwach und später zu stark reagieren. Ein über alle Anlageklassen gestreutes Portfolio brachte deutliche Überrenditen, hatte wenig Bezug zu den üblichen Faktoren und schnitt in extremen Marktphasen am besten ab.
Hurst u. a. (2017) untersuchen Trendfolge über mehr als ein Jahrhundert und viele Märkte, um zu prüfen, ob die Ergebnisse auch außerhalb der jüngeren Futures-Daten tragen. Asness u. a. (2013) zeigen, dass Momentum (im Querschnitt) in acht sehr verschiedenen Märkten und Anlageklassen besteht und mit Value negativ korreliert ist. Das ist ein Grund, beide zu kombinieren.
Eine Warnung kommt von Daniel und Moskowitz (2016): Momentum-Strategien im Querschnitt erleiden seltene, aber schwere Crashs, und zwar in Paniken nach Marktrückgängen, wenn die Volatilität hoch ist und der Markt kräftig dreht. Eine Steuerung nach erwarteter Volatilität milderte diese Crashs in ihren Daten deutlich. Für Trendfolge gilt ähnlich: Die Wendepunkte nach langen Trends sind die gefährlichsten Momente.
Für Fortgeschrittene: Bausteine eines Trendfolgesystems
- Signale: Vorzeichen der Rendite über ein oder mehrere Zeitfenster (1, 3, 6, 12 Monate), Abstand zum gleitenden Durchschnitt, Kreuzung zweier Durchschnitte, Ausbruch aus einer Handelsspanne.
- Positionsgröße: Skalierung auf eine Zielvolatilität je Markt und für das Gesamtportfolio; Korrelationen zwischen Märkten werden oft berücksichtigt, damit gleichlaufende Märkte nicht doppelt zählen.
- Universum: Je mehr unabhängige Märkte, desto stabiler. Ein einzelner Markt mit Trendregel ist ein unsicheres Unterfangen; viele Märkte zusammen bilden eine Strategie.
- Handelskosten und Rollen: Futures müssen vor Verfall in den nächsten Kontrakt gerollt werden. Die Rendite enthält deshalb auch die Roll-Rendite und den Zins auf die hinterlegten Sicherheiten.
- Kopplung mit Volatilität: Moreira und Muir (2017) zeigen allgemein, dass Portfolios, die bei hoher Volatilität weniger Risiko nehmen, die Sharpe Ratio vieler Faktoren verbessern.
Trendfolge als Beimischung
Kaum ein Anleger hält Trendfolge allein. Interessant ist sie als Baustein neben Aktien und Anleihen, weil ihre Ergebnisse wenig mit beiden zusammenhängen und sie in lang anhaltenden Krisen eher gewinnt, wenn die übrigen Bausteine verlieren. Für die Beurteilung zählt deshalb weniger ihre eigene Rendite als ihr Beitrag zum Gesamtportfolio: Senkt eine Beimischung von 10 bis 20 % die Schwankung und den maximalen Rückgang, ohne die Rendite stark zu drücken?
Diese Frage lässt sich nur mit Vorsicht aus der Vergangenheit beantworten. Wenige Krisen dominieren das Ergebnis, und zwischen ihnen liegen oft lange Jahre mit schwacher Rendite, in denen die Beimischung Geduld verlangt. Wer Trendfolge einsetzt, sollte vorher festlegen, wie lange er an ihr festhält, und den Anteil regelmäßig per Rebalancing zurücksetzen. Sonst verkauft man sie typischerweise genau vor der nächsten Krise.
Grenzen und typische Fehler
- Seitwärtsmärkte: Ohne klare Trends häufen sich Fehlsignale, und jede Umschichtung kostet. Mehrjährige Durststrecken sind normal.
- Abrupte Wenden: Nach langen Trends verliert die Strategie, bis das Signal umschlägt.
- Overfitting: Fensterlänge, Schwellen und Universum laden zum Ausprobieren ein. Ein Fenster, das in der Vergangenheit am besten war, ist kein guter Hinweis auf die Zukunft (Backtest-Overfitting).
- Long-only ist nicht dasselbe: Ohne Short-Positionen kann eine Trendregel in fallenden Märkten nur in den Geldmarkt ausweichen. Sie schützt dann, verdient aber nicht am Rückgang.
- Kosten von Fonds: Managed-Futures-Fonds haben oft hohe laufende Kosten und teils Erfolgsgebühren, die einen großen Teil der Prämie aufzehren können.
So rechnet Portfolio Lab
Die Taktik bietet Trendfolge als Long-only-Regeln auf Monatsbasis: „Gleitender Durchschnitt (Trendfolge)“ hält jede Anlage, solange ihr Kurs über dem eigenen Durchschnitt liegt (voreingestellt 10 Monate, wählbar 2 bis 24), sonst geht ihr Anteil in Cash oder in ein gewähltes Ausweich-Asset. „Dual Momentum“ verbindet relative Stärke mit einem Filter gegen den Geldmarkt (voreingestellt 12 Monate), „Relative Stärke“ mittelt mehrere Fenster (1, 3, 6 und 12 Monate). Signale entstehen nur aus Kursen bis zum Monatsende und werden zum Schlusskurs desselben Monatsendes umgesetzt (wahlweise einen Monat später); Handelskosten je Order lassen sich einstellen. Short-Positionen und Futures gibt es nicht.
Für die professionelle Variante gibt es in den Anlageklassen die Klasse „Trendfolge (Managed Futures)“ (@TRENDFOLGE), verkettet aus Managed-Futures-Fonds ab 2010, in Euro umgerechnet. Damit lässt sich im Backtest prüfen, wie eine Beimischung ein Aktien-Anleihen-Portfolio in Krisenjahren verändert hätte. Details in der Methodik der Taktik.
Häufige Fragen
Was ist Trendfolge?
Eine Strategie, die Anlagen mit positivem Trend kauft und solche mit negativem Trend verkauft oder meidet. Maßstab ist die eigene Vergangenheit jeder Anlage, etwa die Rendite der letzten zwölf Monate.
Was ist der Unterschied zwischen Momentum und Trendfolge?
Momentum im Querschnitt vergleicht Anlagen untereinander, Trendfolge (Time-Series-Momentum) jede Anlage mit sich selbst. Trendfolge kann daher in allen Märkten gleichzeitig short oder in Cash sein.
Funktioniert die 10-Monats-Regel noch?
Sie hat historisch vor allem tiefe Rückgänge in langen Bärenmärkten verringert. In Seitwärtsphasen und schnellen Erholungen kostet sie Rendite. Eine Garantie für die Zukunft gibt es nicht.
Was sind Managed Futures?
Fonds, die über Futures in vielen Märkten Trends folgen, long und short, meist mit Steuerung der Volatilität. Sie werden auch CTAs genannt.
Welche Fensterlänge ist die beste?
Eine beste gibt es nicht. Übliche Werte liegen zwischen drei und zwölf Monaten; viele Trendfolger mischen mehrere Fenster, damit das Ergebnis nicht von einer einzigen Wahl abhängt.
Warum gilt Trendfolge als Krisenschutz?
Weil sie in lang anhaltenden Abschwüngen oft bereits short oder in Cash ist. In abrupten Crashs nach langen Anstiegen schützt sie dagegen meist nicht.
Literatur
- Asness, Clifford S.; Moskowitz, Tobias J.; Pedersen, Lasse Heje (2013): Value and Momentum Everywhere. The Journal of Finance 68 (3), S. 929–985. doi:10.1111/jofi.12021
- Daniel, Kent; Moskowitz, Tobias J. (2016): Momentum crashes. Journal of Financial Economics 122 (2), S. 221–247. doi:10.1016/j.jfineco.2015.12.002
- Faber, Mebane T. (2007): A Quantitative Approach to Tactical Asset Allocation. The Journal of Wealth Management 9 (4), S. 69–79. doi:10.3905/jwm.2007.674809
- Hurst, Brian; Ooi, Yao Hua; Pedersen, Lasse Heje (2017): A Century of Evidence on Trend-Following Investing. The Journal of Portfolio Management 44 (1), S. 15–29. doi:10.3905/jpm.2017.44.1.015
- Jegadeesh, Narasimhan; Titman, Sheridan (1993): Returns to Buying Winners and Selling Losers: Implications for Stock Market Efficiency. The Journal of Finance 48 (1), S. 65–91. doi:10.1111/j.1540-6261.1993.tb04702.x
- Moreira, Alan; Muir, Tyler (2017): Volatility-Managed Portfolios. The Journal of Finance 72 (4), S. 1611–1644. doi:10.1111/jofi.12513
- Moskowitz, Tobias J.; Ooi, Yao Hua; Pedersen, Lasse Heje (2012): Time series momentum. Journal of Financial Economics 104 (2), S. 228–250. doi:10.1016/j.jfineco.2011.11.003
Dieser Artikel erklärt eine Methode; er ist keine Anlage- oder Steuerberatung. Zahlenbeispiele sind vereinfacht und gerundet. Alle Begriffe im Glossar.