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Maximum Drawdown: der größte Verlust vom Höchststand

Grundlagen8 Min. Lesezeit · aktualisiert am 25. September 2026 · 5 Quellen

Der Maximum Drawdown ist der größte prozentuale Rückgang eines Portfolios von einem Höchststand bis zum folgenden Tiefpunkt. Er beantwortet die Frage, die sich jeder Anleger stellt: Wie viel hätte ich im schlimmsten Fall auf dem Papier verloren, und wie lange hat es gedauert, bis das Geld wieder da war?

Drawdown berechnen

Für jeden Tag (oder Monat) wird der bisherige Höchststand mitgeführt. Der Drawdown ist der Abstand des aktuellen Werts zu diesem Hoch, der Maximum Drawdown der tiefste dieser Werte. Wichtig: Gerechnet wird mit dem Wertverlauf inklusive wieder angelegter Ausschüttungen, nicht mit einzelnen Renditen.

Drawdown(t) = Wert(t) / bisheriges Hoch − 1; Maximum Drawdown = kleinster Drawdown

Beim Zwischenstand 110 liegt das Portfolio noch 110 / 120 − 1 = −8,33 % unter dem Hoch. Es ist zwar wieder gestiegen, aber noch „unter Wasser“. Erst mit 130 ist der Drawdown vorbei. Diese Zeit unter dem letzten Hoch ist für viele Anleger die eigentliche Belastung.

Vom Hoch ins Tief und zurück: Tiefe und Dauer eines Drawdowns

Zahlen wie im Beispiel oben: 90 / 120 − 1 = −25 %. Der Drawdown ist erst vorbei, wenn der Wert das alte Hoch wieder erreicht.

Warum Verluste schwerer wiegen als Gewinne

Nach einem Verlust brauchst du einen größeren Gewinn, um wieder auf den alten Stand zu kommen. Im Beispiel oben braucht das Portfolio von 90 aus +33,3 %, um die 120 wieder zu erreichen.

Nötiger Gewinn = 1 / (1 − Verlust) − 1
VerlustNötiger Gewinn bis zum alten Hoch
−10 %+11,1 %
−20 %+25,0 %
−33,3 %+50,0 %
−50 %+100,0 %
−75 %+300,0 %
Verlust und nötiger Gewinn bis zum alten Hoch

Nötiger Gewinn = 1 / (1 − Verlust) − 1. Bis etwa −10 % liegen beide Linien nah beieinander, danach wächst der nötige Gewinn immer schneller.

Diese Asymmetrie ist reine Mathematik, wirkt aber zusammen mit der Psychologie: Verluste schmerzen stärker als gleich große Gewinne freuen. Kahneman und Tversky (1979) haben das in der Prospect Theory beschrieben. Wer in einem tiefen Drawdown verkauft, macht einen Buchverlust endgültig. Das ist der häufigste Weg, wie aus Schwankung echter Schaden wird.

Dauer und Erholungszeit

Genauso wichtig wie die Tiefe ist die Dauer: Wie lange lag das Portfolio unter seinem Hoch? Man unterscheidet die Zeit bis zum Tiefpunkt und die Erholungszeit danach. Breite Aktienindizes haben nach großen Krisen mehrere Jahre gebraucht. Der MSCI World in Euro hat in der Finanzkrise 2007 bis 2009 rund die Hälfte seines Werts verloren. Ein „Underwater Chart“ zeigt den Drawdown über die Zeit und macht solche Phasen sichtbar. Für die eigene Planung zählt oft die Gesamtdauer vom alten bis zum neuen Hoch mehr als die Tiefe: Fünf Jahre ohne Fortschritt prüfen die Geduld stärker als ein kurzer, heftiger Einbruch.

Eine einzelne Zahl für Tiefe und Dauer zusammen ist der Ulcer Index von Martin und McCann (1989): die Wurzel aus dem Durchschnitt der quadrierten Drawdowns. Lange, tiefe Phasen unter Wasser treiben ihn nach oben, kurze Dellen kaum.

Ulcer Index = √(Mittelwert der quadrierten Drawdowns in %)

Für Fortgeschrittene: Wie tief wird der nächste Drawdown?

Der Maximum Drawdown hängt an der Länge des Zeitraums: Je länger du beobachtest, desto tiefer fällt er im Schnitt aus. Magdon-Ismail u. a. (2004) haben die Verteilung für eine Brownsche Bewegung hergeleitet, das einfachste Modell für Kurse. Mit positiver Drift wächst der erwartete Maximum Drawdown nur langsam (logarithmisch) mit der Zeit, ohne Drift mit der Wurzel der Zeit und bei negativer Drift linear. Wichtiger als die Formeln ist die Einsicht:

„the largest drop from a peak to a trough“
Auf Deutsch: der größte Rückgang von einem Hoch zu einem TiefMagdon-Ismail u. a. (2004)

Diese Definition klingt banal, aber der Wert ist eine extreme Statistik einer einzigen Kursgeschichte. Ein zehnjähriger Backtest ohne große Krise kann einen Maximum Drawdown von 15 % zeigen, obwohl dieselbe Strategie in einem anderen Jahrzehnt 40 % verloren hätte. Monte-Carlo-Simulationen und lange Reihen geben ein besseres Bild als eine einzige Zahl, siehe Monte-Carlo-Simulation.

Chekhlov u. a. (2005) verallgemeinern den Maximum Drawdown zum Conditional Drawdown at Risk: dem Durchschnitt der schlechtesten Drawdowns. Er enthält den Maximum Drawdown und den durchschnittlichen Drawdown als Grenzfälle und lässt sich in der Portfoliooptimierung als Nebenbedingung verwenden, ähnlich wie der Conditional VaR für einzelne Perioden.

Drawdowns aktiv begrenzen

Grossman und Zhou (1993) haben gezeigt, wie ein Anleger investieren muss, der nie mehr als einen festen Anteil seines bisherigen Höchststands verlieren will: Der Betrag in riskanten Anlagen ist proportional zum Puffer zwischen Vermögen und Untergrenze. Fällt das Depot, schrumpft der Puffer und mit ihm die Aktienquote.

Drawdown mit Sparplan und mit Entnahmen

Der Maximum Drawdown beschreibt einen einmal angelegten Betrag. Fließt laufend Geld hinein oder heraus, erlebt dein Depot den Rückgang ganz anders. Wer in einem Einbruch regelmäßig weiter spart, kauft zu niedrigen Kursen und ist schneller wieder im Plus als der Index.

Umgekehrt in der Entnahmephase: Wer in der Krise regelmäßig verkauft, um davon zu leben, verkauft viele Anteile zu niedrigen Kursen. Diese Anteile fehlen in der Erholung. Darum kann derselbe Drawdown einen Entnahmeplan scheitern lassen, wenn er am Anfang kommt, und kaum stören, wenn er spät kommt. Wie man damit umgeht (Puffer in Anleihen oder Bargeld, flexible Entnahmen), beschreiben die Artikel Sequenzrisiko und Entnahmerate.

Wie viel Drawdown kannst du tragen?

Vor der Wahl eines Portfolios lohnt eine ehrliche Rechnung: Welcher Verlust wäre finanziell verkraftbar, und welcher wäre es nervlich? Finanziell zählt, wann du das Geld brauchst. Wer in drei Jahren eine Wohnung kaufen will, kann sich einen Rückgang von 40 % ohne ausreichende Erholungszeit kaum leisten. Nervlich zählt, ob du in einem Einbruch verkaufen würdest. Ein Portfolio mit etwas geringerer erwarteter Rendite, das du durch eine Krise hältst, ist besser als ein riskanteres, das du am Tiefpunkt verkaufst.

  • Nimm den Maximum Drawdown eines langen Backtests als Untergrenze, nicht als Obergrenze des möglichen Verlusts.
  • Rechne den Prozentwert in Euro um: −45 % von 200.000 € sind 90.000 €. Das ist eine andere Zahl im Kopf als „−45 %“.
  • Prüfe die Dauer: Könntest du fünf Jahre unter Wasser aushalten, ohne die Strategie zu wechseln?

Drawdown richtig einordnen

  • Einmaliges Ereignis: Der Maximum Drawdown hängt an einer einzigen Krise im Testzeitraum. Ein kurzer Backtest ohne Krise unterschätzt ihn.
  • Monats- statt Tagesdaten glätten den Tiefpunkt; mit Tageswerten fällt er meist tiefer aus.
  • Mit Entnahmen verschärft sich ein Drawdown, weil du in der Krise Anteile billig verkaufst. Das ist das Sequenzrisiko.
  • Verhältnis zur Rendite: Die Calmar Ratio setzt CAGR und Maximum Drawdown ins Verhältnis; weitere Maße wie Ulcer Index und Pain Index stehen bei den Risikokennzahlen.
  • Währung: Ein Drawdown in Dollar ist nicht derselbe wie in Euro. Für Euro-Anleger zählt der Verlauf in Euro.

Als grobe Orientierung: Breite Aktienmärkte hatten in den großen Krisen Rückgänge von 30 bis über 50 %, gemischte Portfolios deutlich weniger. Wer seine Aktienquote wählt, sollte sich fragen, ob er einen Rückgang in dieser Größe aussitzen würde, und das lieber vorher prüfen als mitten in der Krise.

So rechnet Portfolio Lab

Portfolio Lab bildet aus den Periodenrenditen einen Wertverlauf (Start = 1) und führt den bisherigen Höchststand mit; der Startwert zählt als erstes Hoch. Der Drawdown ist Wert durch Höchststand minus 1, der Maximum Drawdown sein Minimum. Der Backtest zeigt den Verlauf als Underwater Chart und eine Tabelle der zehn größten Rückgänge mit Hoch, Tiefpunkt, Erholung und Dauer. Bei Monatsdaten zählt er ganze Kalendermonate, bei Tagesdaten Tage geteilt durch 30,44; ein noch nicht erholter Rückgang steht als „noch nicht“. Die Calmar Ratio ist CAGR geteilt durch den Betrag des Maximum Drawdown über den ganzen Zeitraum. Mehr in der Methodik der Kennzahlen.

Häufige Fragen

Was ist ein normaler Drawdown für Aktien?

Breite Aktienmärkte hatten in den großen Krisen Rückgänge von 30 bis über 50 %. Ein Portfolio aus 60 % Aktien und 40 % Anleihen lag meist deutlich darunter, aber nicht immer: 2022 fielen beide gleichzeitig.

Ist ein Drawdown ein realer Verlust?

Nur wenn du verkaufst. Solange du investiert bleibst, ist er ein Buchverlust, der sich wieder erholen kann. Sicher ist das aber nicht.

Wie hängt Drawdown mit Volatilität zusammen?

Höhere Volatilität führt meist zu tieferen Drawdowns, aber nicht zwingend. Abrupte Einbrüche können auch Anlagen mit niedriger Volatilität treffen.

Wie lange dauert die Erholung nach einem Crash?

Das ist sehr unterschiedlich: nach kurzen Einbrüchen wenige Monate, nach großen Krisen mehrere Jahre. Ein Sparplan verkürzt die Zeit bis zum eigenen Plus, weil billig nachgekauft wird.

Was zeigt ein Underwater Chart?

Den Drawdown über die Zeit: eine Linie bei 0 %, solange das Portfolio auf einem neuen Hoch ist, und eine Senke für jede Phase darunter. Breite und Tiefe der Senken zeigen Dauer und Ausmaß.

Kann man Drawdowns vermeiden?

Nur teilweise und nie kostenlos. Anleihen, Gold oder Trendfolge können Einbrüche dämpfen, kosten aber in guten Jahren Rendite. Regeln, die bei fallenden Kursen verkaufen, schützen vor langen Bärenmärkten, verpassen aber oft die schnelle Erholung danach.

Literatur

  1. Chekhlov, Alexei; Uryasev, Stanislav; Zabarankin, Michael (2005): Drawdown Measure in Portfolio Optimization. International Journal of Theoretical and Applied Finance 08 (01), S. 13–58. doi:10.1142/s0219024905002767
  2. Grossman, Sanford J.; Zhou, Zhongquan (1993): Optimal Investment Strategies for Controlling Drawdowns. Mathematical Finance 3 (3), S. 241–276. doi:10.1111/j.1467-9965.1993.tb00044.x
  3. Kahneman, Daniel; Tversky, Amos (1979): Prospect Theory: An Analysis of Decision under Risk. Econometrica 47 (2). doi:10.2307/1914185
  4. Magdon-Ismail, Malik; Atiya, Amir F.; Pratap, Amrit; Abu-Mostafa, Yaser S. (2004): On the maximum drawdown of a Brownian motion. Journal of Applied Probability 41 (1), S. 147–161. doi:10.1239/jap/1077134674
  5. Martin, Peter G.; McCann, Byron B. (1989): The Investor's Guide to Fidelity Funds. Wiley.

Gesamtes Literaturverzeichnis

Dieser Artikel erklärt eine Methode; er ist keine Anlage- oder Steuerberatung. Zahlenbeispiele sind vereinfacht und gerundet. Alle Begriffe im Glossar.