Market Timing: Lässt sich der richtige Zeitpunkt treffen?
Market Timing heißt, vor Kursrückgängen auszusteigen und vor Anstiegen wieder einzusteigen. Die Idee ist verlockend: die Gewinne mitnehmen, die Verluste vermeiden. In der Praxis gelingt das kaum jemandem dauerhaft. Wer die wenigen sehr guten Börsentage verpasst, verliert einen großen Teil der langfristigen Rendite. Und diese Tage liegen oft mitten in Krisen. Hier sind die Rechnungen und die Studien dazu.
Was Market Timing ist
Beim Market Timing wechselt man je nach Einschätzung zwischen Aktien und sicheren Anlagen wie Tagesgeld. Die Entscheidung kann auf Bauchgefühl, Nachrichten, Prognosen oder auf festen Regeln beruhen. Das Gegenmodell ist Kaufen und Halten („Time in the Market statt Timing the Market“): investiert bleiben und eine feste Aufteilung durch Rebalancing halten.
Zum Market Timing im weiteren Sinn gehört auch das Warten mit einer Anlage auf einen günstigeren Moment, etwa einen erwarteten Crash. Dieser Fall wird im Artikel Sparplan oder Einmalanlage behandelt.
Wenige Tage entscheiden über die Rendite
Die Rendite eines Jahres oder Jahrzehnts verteilt sich nicht gleichmäßig. Ein großer Teil entsteht an wenigen sehr guten Tagen oder Monaten. Ein einfaches Beispiel mit zwölf Monatsrenditen zeigt die Wirkung:
Estrada (2008) hat das an echten Daten untersucht: über 160.000 Tagesrenditen aus 15 internationalen Aktienmärkten. Wer im Durchschnitt der Märkte die zehn besten Tage verpasste, hatte am Ende ein um 50,8 % kleineres Vermögen als ein passiver Anleger. Wer die zehn schlechtesten Tage vermied, hatte 150,4 % mehr. Zehn Tage sind dabei weniger als 0,1 % aller betrachteten Handelstage. Estradas Schluss: Die Chancen gegen erfolgreiches Market Timing sind überwältigend.
Das Problem: Die besten und die schlechtesten Tage liegen meist nah beieinander, in Phasen hoher Schwankung. Wer nach einem Absturz aussteigt, verpasst oft die heftige Gegenbewegung wenige Tage später. Aussteigen und Wiedereinsteigen sind zwei Entscheidungen, die beide richtig sein müssen.
Wie oft müsste man richtig liegen?
Eine einfache Modellrechnung zeigt, wie hoch die Trefferquote sein muss. Angenommen, Aktien steigen in 70 % der Jahre um 15 % und fallen in 30 % der Jahre um 10 %; Tagesgeld bringt 2 %. Ein Timer sagt jedes Jahr voraus, ob es steigt oder fällt, und liegt mit einer bestimmten Quote richtig.
| Strategie | durchschnittliche Jahresrendite |
|---|---|
| Kaufen und Halten | 7,5 % |
| Timer mit 50 % Trefferquote (Münzwurf) | 4,75 % |
| Timer mit 60 % Trefferquote | 6,02 % |
| perfekter Timer (100 %) | 11,10 % |
In diesem Beispiel muss der Timer in 71,7 % der Jahre richtig liegen, nur um mit Kaufen und Halten gleichzuziehen, und das vor Kosten und Steuern. Der Grund: Weil Aktien öfter steigen als fallen, kostet jedes falsche „Raus“ mehr als ein falsches „Rein“. Schon Sharpe (1975) kam mit einer ähnlichen Überlegung zu dem Ergebnis, dass ein Market Timer sehr häufig richtig liegen muss, damit sich das Hin und Her gegenüber Kaufen und Halten lohnt.
Die Zahlen sind ein vereinfachtes Rechenbeispiel (Durchschnitt ohne Zinseszins, angenommene Renditen). Sie zeigen das Prinzip, nicht die Ergebnisse eines bestimmten Marktes.
Was die Forschung über Anleger zeigt
Studien über das tatsächliche Verhalten von Anlegern bestätigen die Theorie. Dichev (2007) verglich die Renditen der Märkte mit den geldgewichteten Renditen der Anleger, also mit dem, was nach allen Zu- und Abflüssen tatsächlich verdient wurde. Diese lagen in fast allen großen Märkten systematisch unter den Marktrenditen, weil Geld eher nach guten Phasen hinein- und nach schlechten herausfloss. Den Unterschied zwischen beiden Renditearten erklärt der Artikel zur zeitgewichteten Rendite.
Barber und Odean (2000) werteten die Depots von 66.465 Haushalten eines US-Discountbrokers aus den Jahren 1991 bis 1996 aus. Die Haushalte, die am meisten handelten, erzielten 11,4 % pro Jahr, der Markt 17,9 %. Ihr Fazit lautet sinngemäß: Handeln schadet dem Vermögen. Als Ursache nennen sie Selbstüberschätzung. Dazu passt die Prospect Theory von Kahneman und Tversky (1979): Verluste schmerzen stärker als gleich große Gewinne freuen. Das verleitet dazu, in Krisen zu verkaufen.
Regeln statt Bauchgefühl: taktische Allokation
Nicht jedes Timing beruht auf Prognosen. Regelbasierte Verfahren reagieren mechanisch auf Signale aus den Kursen selbst, etwa auf einen gleitenden Durchschnitt oder auf das Momentum der letzten zwölf Monate. Faber (2007) testete ein Modell mit dem Zehnmonatsdurchschnitt über mehrere Anlageklassen und fand bessere risikoadjustierte Renditen, vor allem geringere Rückgänge. Moskowitz u. a. (2012) dokumentierten Time-Series-Momentum über ein bis zwölf Monate in 58 liquiden Terminmärkten.
Solche Regeln haben zwei Vorteile: Sie sind vorher festgelegt und lassen sich im Backtest prüfen. Sie haben aber auch Grenzen. Sie hinken Wendepunkten hinterher, erzeugen in Seitwärtsphasen viele Fehlsignale und kosten Handelsgebühren und Steuern. Und im Backtest sehen sie oft besser aus als später, weil Parameter an die Vergangenheit angepasst wurden (siehe Backtest-Overfitting). Ausführlich behandeln das die Artikel Momentum-Strategien und Trendfolge.
Bewertung als langsames Signal
Eine andere Form ist das Timing nach Bewertung: weniger Aktien, wenn sie teuer sind, mehr, wenn sie günstig sind. Kennzahlen wie das Shiller-KGV haben einen gewissen Zusammenhang mit den Renditen der folgenden zehn Jahre, aber kaum mit denen des nächsten Jahres. Bewertungen können lange hoch bleiben. Wer deshalb früh aussteigt, verpasst womöglich Jahre mit guten Renditen. Für das kurzfristige Timing taugt Bewertung daher wenig, für eine langsame Anpassung der Aktienquote eher.
Versteckte Kosten: Steuern und Gebühren
Jeder Ausstieg aus einem Fonds mit Gewinn löst in Deutschland Steuern aus. Das Geld, das an das Finanzamt geht, fehlt beim Wiedereinstieg und arbeitet nicht mehr mit. Wer nicht verkauft, schiebt die Steuer dagegen bis zum Ende auf und lässt sie zwischenzeitlich mitverzinsen.
Dazu kommen Ordergebühren und die Geld-Brief-Spanne bei jedem Kauf und Verkauf. Bei wenigen Wechseln im Jahr ist das wenig, bei häufigem Hin und Her summiert es sich. Mehr zur Besteuerung steht unter Abgeltungsteuer und Teilfreistellung.
Die Psychologie des Ausstiegs
Market Timing beginnt selten mit einer Analyse, sondern mit einem Gefühl: Schlagzeilen über eine Krise, ein Depot im Minus, Freunde, die verkauft haben. Der Ausstieg bringt kurzfristig Erleichterung. Schwierig wird der Wiedereinstieg: Steigen die Kurse, wartet man auf einen Rücksetzer, der vielleicht nie kommt; fallen sie weiter, scheint die Gefahr noch größer. Viele Anleger bleiben deshalb nach einem Ausstieg lange draußen. Eine schriftliche Anlagestrategie mit fester Aufteilung hilft, solche Entscheidungen nicht im Stress zu treffen.
Was stattdessen hilft
- Passende Aktienquote: Wähle die Mischung so, dass du einen schweren Rückgang aushältst, ohne zu verkaufen (siehe 60/40-Portfolio und Maximum Drawdown).
- Rebalancing: Feste Gewichte zwingen ohne Prognose zum antizyklischen Handeln, also dazu, Gewinner zu verkaufen und Verlierer nachzukaufen.
- Automatisieren: Ein Sparplan investiert regelmäßig, unabhängig von Schlagzeilen.
- Selten nachsehen: Wer sein Depot seltener prüft, empfindet Schwankungen als weniger bedrohlich.
So rechnet Portfolio Lab
Auf der Seite Taktik kannst du regelbasierte Modelle prüfen: gleitender Durchschnitt, Dual Momentum, Rotation nach relativer Stärke, Zielvolatilität, Adaptive Allocation, ein Modell nach dem Shiller-CAPE, vier Rotationsmodelle (Protective, Vigilant und Defensive Asset Allocation (PAA, VAA, DAA) sowie Accelerating Dual Momentum) und ein Regime-Modell (Hidden-Markov-Modell). Jedes Modell berechnet die Gewichte am Monatsende nur mit Kursen bis zu diesem Tag und setzt sie zum Schlusskurs desselben Monatsendes um, also ohne Blick in die Zukunft. Das Ergebnis vergleichst du direkt mit Kaufen und Halten; die Einzelheiten stehen in der Methodik der Taktik.
Häufige Fragen
Wie oft gelingt professionellen Anlegern Market Timing?
Studien zu Fonds zeigen kaum dauerhafte Fähigkeiten im Timing. Nach Kosten liegen die meisten aktiven Fonds hinter ihrem Index, wie der Artikel zu aktiv oder passiv zeigt.
Ist Rebalancing auch Market Timing?
Nein. Rebalancing folgt einer festen Regel ohne Prognose und stellt nur die Zielaufteilung wieder her. Es handelt automatisch antizyklisch.
Funktioniert Market Timing?
Dauerhaft und nach Kosten selten. Man muss zwei Entscheidungen (Aus- und Wiedereinstieg) richtig treffen; im Rechenbeispiel ist eine Trefferquote von über 70 % nötig, nur um gleichzuziehen.
Was passiert, wenn ich die besten Börsentage verpasse?
Die Rendite schrumpft stark. In der Studie von Estrada über 15 Märkte führte das Verpassen der zehn besten Tage zu einem um 50,8 % kleineren Endvermögen.
Soll ich vor einem erwarteten Crash verkaufen?
Niemand weiß, wann ein Crash kommt. Wer zu früh verkauft, verpasst Gewinne; wer verkauft hat, verpasst oft auch die Erholung. Eine passende Aktienquote ist meist die bessere Absicherung.
Was bedeutet Time in the Market?
Investiert zu bleiben, statt den richtigen Zeitpunkt zu suchen. Die Zeit, die das Geld im Markt verbringt, zählt mehr als der Einstiegsmoment.
Ist regelbasiertes Timing besser als Bauchgefühl?
Es ist überprüfbar und diszipliniert und hat in Studien vor allem Rückgänge gemildert. Eine Garantie für höhere Renditen ist es nicht; Kosten, Steuern und Fehlsignale gehören dazu.
Literatur
- Barber, Brad M.; Odean, Terrance (2000): Trading Is Hazardous to Your Wealth: The Common Stock Investment Performance of Individual Investors. The Journal of Finance 55 (2), S. 773–806. doi:10.1111/0022-1082.00226
- Dichev, Ilia D (2007): What Are Stock Investors' Actual Historical Returns? Evidence from Dollar-Weighted Returns. American Economic Review 97 (1), S. 386–401. doi:10.1257/aer.97.1.386
- Estrada, Javier (2008): Black Swans and Market Timing. The Journal of Investing 17 (3), S. 20–34. doi:10.3905/joi.2008.710917
- Faber, Mebane T. (2007): A Quantitative Approach to Tactical Asset Allocation. The Journal of Wealth Management 9 (4), S. 69–79. doi:10.3905/jwm.2007.674809
- Kahneman, Daniel; Tversky, Amos (1979): Prospect Theory: An Analysis of Decision under Risk. Econometrica 47 (2). doi:10.2307/1914185
- Moskowitz, Tobias J.; Ooi, Yao Hua; Pedersen, Lasse Heje (2012): Time series momentum. Journal of Financial Economics 104 (2), S. 228–250. doi:10.1016/j.jfineco.2011.11.003
- Sharpe, William F. (1975): Likely Gains from Market Timing. Financial Analysts Journal 31 (2), S. 60–69. doi:10.2469/faj.v31.n2.60
Dieser Artikel erklärt eine Methode; er ist keine Anlage- oder Steuerberatung. Zahlenbeispiele sind vereinfacht und gerundet. Alle Begriffe im Glossar.