Aktienquote nach Alter: Faustregeln, Gleitpfad und was die Theorie sagt
Wie hoch sollte die Aktienquote nach Alter sein? Die bekannteste Faustregel lautet „100 minus Alter“: Mit 30 Jahren 70 % Aktien, mit 60 Jahren 40 %. Dahinter steht eine richtige Idee (junge Anleger haben mehr Zeit und mehr künftiges Einkommen), aber die Theorie ist feiner, und für den Ruhestand gibt es sogar Argumente für eine wieder steigende Aktienquote.
Die Faustregeln
Aktienquote = (100, 110 oder 120) − Lebensalter- 100
- klassische, vorsichtige Variante
- 110 / 120
- Varianten für längere Lebenserwartung und niedrige Zinsen
| Alter | 100 minus Alter | 110 minus Alter | 120 minus Alter |
|---|---|---|---|
| 35 | 65 % | 75 % | 85 % |
| 50 | 50 % | 60 % | 70 % |
| 65 | 35 % | 45 % | 55 % |
Die Regeln sind einfach und verhindern zwei häufige Fehler: als junger Mensch aus Angst fast nur Tagesgeld zu halten und kurz vor der Rente mit fast 100 % Aktien in einen Einbruch zu laufen. Sie berücksichtigen aber nichts von dem, was die Theorie für entscheidend hält: wie sicher das Einkommen ist, wie groß das übrige Vermögen ist und wie flexibel man auf Verluste reagieren kann.
Der Gleitpfad: Umschichten über Jahre
Ein Gleitpfad (englisch Glide Path) legt fest, wie die Aufteilung über die Zeit wandert, typischerweise von einem chancenreichen Portfolio zu einem defensiven. Zielfonds (Target-Date-Fonds) setzen genau das um: Ein Fonds „2050“ hält heute viele Aktien und schichtet bis 2050 schrittweise in Anleihen um.
Die Varianten 100 und 120 minus Alter verschieben den Pfad nur um 10 Prozentpunkte nach unten oder oben; die Neigung bleibt gleich.
Statt jedes Jahr nach dem Alter umzuschichten, kann man auch einen festen Zeitraum wählen. Beispiel: Der Anteil des chancenreichen Portfolios sinkt von 100 % im Jahr 2036 linear auf 30 % im Jahr 2046. Im Jahr 2041, auf halber Strecke, liegt er dann bei 65 %. Vorher bleibt er bei 100 %, danach bei 30 %. So konzentriert sich das Umschichten auf die zehn Jahre vor einem Ziel, etwa dem Rentenbeginn.
Anteil(Jahr) = Anfang + (Ende − Anfang) × (Jahr − Startjahr) / (Zieljahr − Startjahr)- Anfang, Ende
- Anteil des chancenreichen Portfolios zu Beginn und am Ende des Pfads
- Startjahr, Zieljahr
- Zeitraum, in dem umgeschichtet wird
Der Gleitpfad ist eine Form von Rebalancing mit wanderndem Ziel. Steuerlich günstig ist es, das Umschichten zuerst über neue Einzahlungen und Entnahmen zu erledigen und erst dann zu verkaufen.
Was die Theorie sagt: Zeithorizont allein reicht nicht
Überraschend für viele: In den klassischen Modellen von Samuelson (1969) und Merton (1969) hängt die optimale Aktienquote nicht vom Anlagehorizont ab. Wer seine Risikoneigung nicht ändert und nur Finanzvermögen hat, sollte mit 30 und mit 60 Jahren denselben Anteil in Aktien halten. Das Argument „lange Zeit gleicht Schwankungen aus“ trägt in diesem Modell nicht, weil auch die möglichen Verluste über lange Zeit groß sein können.
w* = (μ − r) / (γ × σ²)- w*
- optimaler Anteil der riskanten Anlage (Merton-Quote)
- μ − r
- erwartete Überrendite über dem sicheren Zins
- σ
- Volatilität der riskanten Anlage
- γ
- relative Risikoaversion: je höher, desto vorsichtiger
Das Alter kommt erst über das Humankapital ins Spiel: den Barwert des künftigen Arbeitseinkommens. Für viele Angestellte wirkt dieses Einkommen wie eine große Anleihe: Es fließt relativ stetig, unabhängig vom Aktienmarkt. Wer jung ist, besitzt also bereits viel „Anleihe“ in Form seines Gehalts und kann sein Finanzvermögen umso stärker in Aktien anlegen. Mit jedem Jahr schrumpft das Humankapital, und das Finanzvermögen muss einen größeren Teil der Sicherheit übernehmen.
Cocco u. a. (2005) haben dieses Argument in einem realistisch kalibrierten Lebenszyklusmodell mit nicht handelbarem Arbeitseinkommen und Kreditgrenzen durchgerechnet: Weil das Arbeitseinkommen sichere Anlagen ersetzt, sinkt die optimale Aktienquote über das Leben ungefähr. Bodie u. a. (1992) ergänzen die Flexibilität: Wer mehr oder länger arbeiten kann, wenn die Börse schlecht läuft, kann vorher mehr Risiko eingehen.
Wann die Faustregel nicht passt
- Unsicheres Einkommen: Selbstständige, Unternehmer oder Beschäftigte in zyklischen Branchen haben Humankapital, das eher einer Aktie gleicht. Für sie spricht die Theorie für eine niedrigere Aktienquote als die Faustregel.
- Beamte und sichere Renten: Eine Pension oder eine hohe gesetzliche Rente wirkt wie eine große Anleihe im Ruhestand. Das erlaubt mehr Aktien im Depot, auch im Alter.
- Großes Vermögen im Verhältnis zum Bedarf: Wer sein Vermögen nie ganz verbrauchen wird, legt einen Teil faktisch für die Erben an, und zwar mit deren Zeithorizont.
- Immobilien und Schulden: Eine selbst genutzte Immobilie mit Kredit erhöht das Risiko des Gesamtvermögens; das kann für weniger Aktien im Depot sprechen.
- Risikotoleranz: Wer bei −30 % verkauft, hält faktisch eine niedrigere Aktienquote, als er plant. Die Quote muss in der Krise durchhaltbar sein. Ein Probelauf im Kopf hilft: Was würde ein Rückgang des Depots um 40 % konkret in Euro bedeuten?
Praktische Umsetzung
- Notgroschen zuerst: Drei bis sechs Monatsausgaben auf dem Tagesgeldkonto gehören nicht zur Aktienquote. Sie verhindern, dass man im Crash verkaufen muss.
- Den sicheren Teil bewusst wählen: Geldmarkt und kurze Staatsanleihen schwanken kaum; lange Anleihen schwanken stärker, schützen aber in manchen Krisen besser. Inflationsindexierte Anleihen sichern die Kaufkraft.
- Das Gesamtvermögen betrachten: Betriebsrente, Riester- oder Rürup-Verträge, Lebensversicherungen und die gesetzliche Rente sind oft anleiheähnlich und gehören in die Betrachtung.
- Regeln festlegen: Ein schriftlicher Gleitpfad mit festen Terminen fürs Umschichten nimmt Entscheidungen in Krisen ab.
- Jährlich prüfen: Ändert sich die Lebenslage (neuer Job, Erbschaft, Immobilienkauf), ändert sich auch die passende Quote.
Im Ruhestand: fallende oder steigende Aktienquote?
Viele Gleitpfade enden mit dem Rentenbeginn und halten danach eine feste, niedrige Quote. Pfau und Kitces (2013) haben dagegen einen steigenden Gleitpfad im Ruhestand untersucht: zu Rentenbeginn eine niedrige Aktienquote, danach Jahr für Jahr mehr Aktien. Der Grund ist das Sequenzrisiko: Ein Einbruch in den ersten Rentenjahren richtet den größten Schaden an, also ist Sicherheit dann am wertvollsten. Läuft es gut, kann man später mehr Risiko tragen; läuft es schlecht, kauft man nach dem Einbruch günstig nach.
Die Theorie und die Simulationen liefern keine allgemeingültige Zahl. Sie zeigen aber, worauf es ankommt: auf die Phase rund um den Rentenbeginn, auf sichere Einkommensquellen und darauf, ob die Entnahmen flexibel sind.
Für Fortgeschrittene: Annahmen der Modelle
Die Unabhängigkeit vom Horizont bei Samuelson und Merton gilt unter strengen Annahmen: unabhängige Renditen über die Zeit, konstante relative Risikoaversion, kein Arbeitseinkommen, keine Transaktionskosten. Sind Aktienrenditen langfristig etwas weniger schwankend als kurzfristig (Mean Reversion), spricht das wieder für mehr Aktien bei langem Horizont. Die empirische Evidenz dafür ist allerdings umstritten. Kreditgrenzen wirken in die andere Richtung: Ein junger Mensch mit großem Humankapital möchte eigentlich mehr als 100 % Aktien halten, darf sich dafür aber nicht beliebig verschulden. Modelle mit solchen Grenzen erzeugen deshalb lange eine Quote nahe 100 % und erst später den bekannten Abwärtspfad.
Praktisch lässt sich die Merton-Formel kaum direkt anwenden: Die erwartete Überrendite ist unsicher, und schon kleine Änderungen verschieben die Quote stark. Die Formel ist eher ein Denkwerkzeug: Sie zeigt, welche Größen die Quote treiben, und warum zwei gleich alte Menschen ganz verschiedene Quoten haben können.
So rechnet Portfolio Lab
In den Finanzzielen lässt sich ein Gleitpfad zwischen zwei Portfolios A (chancenreich) und B (defensiv) festlegen: Der Anteil von A sinkt zwischen zwei Jahren linear. Der Knopf „Faustregel 110 minus Alter“ setzt den Anteil heute auf 110 minus Alter und im Zieljahr auf 110 minus das Alter dann. Einzahlungen gehen zuerst in den untergewichteten Topf, im Januar wird umgeschichtet, wenn der Anteil mehr als 2 Prozentpunkte vom Pfad abweicht; Entnahmen kommen anteilig aus beiden. Die Monte-Carlo-Simulation zeigt dann, wie oft die Ziele mit dem Gleitpfad erreicht werden. Details stehen in der Methodik der Finanzziele.
Häufige Fragen
Wie hoch sollte meine Aktienquote mit 40 sein?
Nach „100 minus Alter“ 60 %, nach „110 minus Alter“ 70 %. Wichtiger als die Regel sind sichere Einkommen, Notgroschen, Zeithorizont und ob du einen Einbruch von 40 % aushalten würdest.
Ist 100 % Aktien in jungen Jahren sinnvoll?
Für Menschen mit sicherem Einkommen, Notgroschen und langem Horizont spricht die Lebenszyklustheorie dafür, weil das Arbeitseinkommen wie eine Anleihe wirkt. Entscheidend ist, dass man in Krisen nicht verkauft.
Was ist ein Gleitpfad?
Ein Plan, wie sich die Aufteilung über die Jahre ändert, meist von viel Aktien zu weniger Aktien bis zu einem Zieldatum. Zielfonds setzen das automatisch um.
Sollte die Aktienquote im Ruhestand weiter sinken?
Nicht unbedingt. Forschung zu steigenden Gleitpfaden zeigt, dass eine niedrige Quote zu Rentenbeginn und danach wieder mehr Aktien das Risiko senken kann, früh zu verarmen.
Was ist ein Zielfonds?
Ein Fonds mit einem Zieljahr im Namen, der seine Aufteilung automatisch von Aktien zu Anleihen verschiebt, je näher das Zieljahr rückt. Er setzt einen festen Gleitpfad um, unabhängig von deiner sonstigen Lage.
Was ist Humankapital?
Der Barwert deines künftigen Arbeitseinkommens. Für Angestellte mit sicherem Gehalt wirkt es wie eine große Anleihe und erlaubt mehr Aktien im Depot.
Muss ich im Alter Aktien verkaufen?
Nicht unbedingt. Wer seine festen Ausgaben aus Rente und sicheren Anlagen deckt, kann einen Teil des Depots auch im Ruhestand in Aktien lassen. Entscheidend ist, dass Entnahmen in einem Crash nicht zu Notverkäufen zwingen.
Literatur
- Bodie, Zvi; Merton, Robert C.; Samuelson, William F. (1992): Labor supply flexibility and portfolio choice in a life cycle model. Journal of Economic Dynamics and Control 16 (3-4), S. 427–449. doi:10.1016/0165-1889(92)90044-f
- Cocco, João F.; Gomes, Francisco J.; Maenhout, Pascal J. (2005): Consumption and Portfolio Choice over the Life Cycle. Review of Financial Studies 18 (2), S. 491–533. doi:10.1093/rfs/hhi017
- Merton, Robert C. (1969): Lifetime Portfolio Selection under Uncertainty: The Continuous-Time Case. The Review of Economics and Statistics 51 (3). doi:10.2307/1926560
- Pfau, Wade D.; Kitces, Michael E. (2013): Reducing Retirement Risk with a Rising Equity Glide-Path. SSRN. doi:10.2139/ssrn.2324930
- Samuelson, Paul A. (1969): Lifetime Portfolio Selection By Dynamic Stochastic Programming. The Review of Economics and Statistics 51 (3). doi:10.2307/1926559
Dieser Artikel erklärt eine Methode; er ist keine Anlage- oder Steuerberatung. Zahlenbeispiele sind vereinfacht und gerundet. Alle Begriffe im Glossar.