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Sichere Entnahmerate: was die 4-%-Regel taugt

Grundlagen8 Min. Lesezeit · aktualisiert am 11. September 2026 · 3 Quellen

Die sichere Entnahmerate ist der Anteil des Startvermögens, den du jedes Jahr inflationsangepasst entnehmen kannst, ohne dass das Geld in einem Zeitraum wie 30 Jahren ausgeht. Bekannt ist sie als 4-%-Regel. Sie ist ein guter Startpunkt für die Planung, aber kein Naturgesetz: Sie hängt an Daten, Zeitraum, Kosten und daran, wie starr du entnimmst.

Woher die 4 % kommen

Der Finanzplaner Bengen (1994) hat mit US-Daten seit 1926 geprüft, welche Entnahme im ersten Jahr (danach jedes Jahr um die Inflation erhöht) in jedem historischen Zeitraum mindestens 30 Jahre gehalten hätte. Das Ergebnis lag knapp über 4 %, am besten bei einem Aktienanteil zwischen 50 und 75 %. Weniger Aktien machten das Portfolio nicht sicherer, sondern ließen es früher leerlaufen, weil die Rendite fehlte.

„For a client of age 60–65, this will usually be about 4 percent.“
Auf Deutsch: Für Kunden zwischen 60 und 65 Jahren sind das meist etwa 4 Prozent.Bengen (1994)

Spätere Untersuchungen, etwa die vielzitierte Trinity-Studie von 1998, kamen mit anderen Daten zu ähnlichen Werten für US-Portfolios. Für andere Länder, höhere Kosten oder längere Zeiträume fällt die Rate niedriger aus, denn die USA hatten im 20. Jahrhundert eine der besten Aktienentwicklungen der Welt.

4 % im ersten Jahr, danach mit der Inflation: der Entnahmeplan über 30 Jahre

Zahlen wie im Rechenbeispiel, 2 % Inflation pro Jahr. Wie viel im Depot bleibt, zeigt das Bild nicht: Das hängt von den Renditen und ihrer Reihenfolge ab.

Sequenzrisiko: die Reihenfolge zählt

Zwei Anleger mit denselben fünf Jahresrenditen, nur in umgekehrter Reihenfolge, entnehmen jeweils zu Jahresbeginn 5.000 € aus 100.000 €. Der Durchschnitt der Renditen ist in beiden Fällen 2 %.

Reihenfolge der RenditenEndvermögen
+20 %, +10 %, +5 %, −5 %, −20 %83.890 €
−20 %, −5 %, +5 %, +10 %, +20 %73.956 €
Sequenzrisiko: gleiche Renditen, umgekehrte Reihenfolge

Rechnung wie oben: 5.000 € Entnahme zu Jahresbeginn, Depotwert am Jahresende. Beide Pfade haben dieselben fünf Renditen, nur in umgekehrter Reihenfolge; die Endwerte stehen in der Tabelle.

Schlechte Jahre zu Beginn treffen ein Depot, aus dem gleichzeitig entnommen wird, besonders hart: Die Anteile werden billig verkauft und fehlen in der Erholung. Ohne Entnahmen wäre das Endvermögen in beiden Fällen gleich. Die Reihenfolge von Renditen spielt erst eine Rolle, wenn Geld fließt. Darum ist der Maximum Drawdown in der Entnahmephase wichtiger als in der Ansparphase. Ausführlich im Artikel Sequenzrisiko.

Wie viel Vermögen brauche ich?

Die Entnahmerate lässt sich umdrehen: Nötiges Vermögen = jährliche Entnahme / Entnahmerate. Entscheidend ist dabei nur die Lücke, die das Depot füllen muss, also Ausgaben minus Rente, Mieteinnahmen und andere sichere Einkünfte.

Steuern auf die Entnahme gehören in die Rechnung: Verkaufst du Fondsanteile, ist ein Teil des Erlöses Gewinn und wird nach Teilfreistellung und Sparer-Pauschbetrag besteuert (siehe Abgeltungsteuer). Am Anfang ist der Gewinnanteil klein, nach Jahrzehnten des Sparens kann er die Hälfte des Erlöses und mehr ausmachen.

Ewige Entnahmerate

Soll das Vermögen real erhalten bleiben (etwa für Erben oder eine Stiftung), darf die Entnahme langfristig nur so hoch sein wie die reale Rendite nach Kosten und Steuern.

Je nach Portfolio, Kosten und Steuern landet die ewige Entnahmerate eher bei 2 bis 3,5 % als bei 4 %. Wer das Kapital verbrauchen darf, kann mehr entnehmen; wer es erhalten will, muss mit weniger auskommen.

Flexible Regeln

  • Leitplanken: Entnahme um 10 % kürzen, wenn sie über einen Schwellenwert des aktuellen Depots steigt, und erhöhen, wenn sie darunter fällt.
  • Prozent vom aktuellen Depot: Das Geld geht nie aus, die Entnahme schwankt aber mit dem Markt.
  • Inflationsanpassung aussetzen: Nach einem Verlustjahr die Entnahme nicht erhöhen. Schon das hebt die Erfolgsquote spürbar.
  • Puffer: ein bis zwei Jahre Entnahmen im Geldmarkt, um in Krisen nicht verkaufen zu müssen.

Für Fortgeschrittene: Ruin, Langlebigkeit und Gleitpfade

Die 4-%-Regel blickt auf einen festen Zeitraum. Tatsächlich ist die Lebensdauer unbekannt. Milevsky und Robinson (2000) berechnen die Ruinwahrscheinlichkeit für eine feste Entnahme aus einem Portfolio mit zufälliger, lognormaler Rendite und verbinden sie mit Sterbetafeln: Gefragt wird, ob das Geld vor dem Lebensende aufgebraucht ist, nicht nach genau 30 Jahren. Die Wahrscheinlichkeit steigt mit der Entnahme, der Volatilität und der Lebenserwartung und fällt mit der erwarteten Rendite.

Eine zweite Frage ist der Aktienanteil im Ruhestand. Klassisch sinkt er mit dem Alter. Pfau und Kitces (2013) argumentieren für das Gegenteil: Ein niedriger Aktienanteil zu Beginn des Ruhestands und ein danach steigender (umgekehrter Gleitpfad) dämpft gerade das Sequenzrisiko der ersten Jahre, in denen ein Crash am meisten schadet. Mehr dazu im Artikel Aktienquote nach Alter.

Drittens hängt die sichere Rate am Bewertungsniveau zu Beginn: Historisch waren die schlechtesten Startjahre für Ruheständler jene mit hohen Aktienbewertungen und anschließend schwachen Jahren. Eine Monte-Carlo-Simulation mit vorsichtigen Renditeannahmen ist deshalb oft aussagekräftiger als der beste oder schlechteste historische Fall (siehe Monte-Carlo-Simulation).

Grenzen der 4-%-Regel

  • US-Daten: Die Regel stammt aus einem Land mit außergewöhnlich guten Aktienrenditen. Mit weltweiten Daten fällt sie niedriger aus.
  • Ohne Kosten und Steuern: Bengen rechnete mit Indexrenditen. Fondskosten, Depotgebühren und Steuern auf Gewinne senken die tragbare Entnahme.
  • Starre Entnahme: Kaum jemand entnimmt in einem Crash unverändert weiter. Flexible Regeln verändern das Ergebnis stark.
  • 30 Jahre: Wer mit 55 aufhört zu arbeiten, braucht eher 40 Jahre und eine niedrigere Rate.
  • Kein Erbe garantiert: In vielen Pfaden bleibt viel übrig, in manchen fast nichts. Die Regel optimiert nur gegen das Aufbrauchen.

So rechnet Portfolio Lab

Der Backtest berechnet für jedes Portfolio die sichere und die ewige Entnahmerate im gewählten Zeitraum: die höchste Entnahme in Prozent des Startwerts pro Jahr, monatlich zu je einem Zwölftel und mit der Inflation des gewählten Landes angepasst, bei der das Vermögen bis zum Ende reicht (sicher) bzw. am Ende noch den realen Startwert hat (ewig). Gesucht wird die Rate per Intervallhalbierung über den tatsächlichen historischen Verlauf. Das Ergebnis gilt also für genau diesen Zeitraum. Ein anderer Start kann deutlich anders ausfallen. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Rate in vielen möglichen Zukünften hält, zeigt Monte Carlo; Finanzziele plant Entnahmen zusammen mit Renten, Steuern und Zielen. Mehr in der Methodik des Backtests.

Häufige Fragen

Gilt die 4-%-Regel für Deutschland?

Sie stammt aus US-Daten mit überdurchschnittlichen Aktienrenditen. Mit weltweiten Daten, Fondskosten und Steuern landen viele Untersuchungen eher bei 3 bis 3,5 % für 30 Jahre.

Wie viel Aktien in der Entnahmephase?

Bengen empfahl 50 bis 75 %. Weniger Aktien senken das Sequenzrisiko, aber auch die langfristige Rendite. Zu wenig Aktien lassen das Geld eher früher ausgehen.

Muss ich die Entnahme jedes Jahr an die Inflation anpassen?

Bei der klassischen Regel ja. Wer in schlechten Jahren auf die Anpassung verzichtet, erhöht die Erfolgsquote deutlich.

Was ist der Unterschied zwischen sicherer und ewiger Entnahmerate?

Die sichere Rate darf das Vermögen bis zum Ende verbrauchen, die ewige muss die Kaufkraft des Startvermögens erhalten. Die ewige Rate ist deshalb immer niedriger.

Wie viel Vermögen brauche ich für 2.000 € im Monat?

Nach der 4-%-Regel das 25-Fache der Jahresentnahme: 24.000 € × 25 = 600.000 €. Mit 3,5 % wären es rund 686.000 €.

Was ist besser: fester Betrag oder Prozent vom Depot?

Ein fester Betrag gibt planbares Einkommen, kann das Depot aber leeren. Ein Prozentsatz schützt das Depot, lässt das Einkommen aber schwanken. Leitplanken verbinden beides.

Literatur

  1. Bengen, William P. (1994): Determining Withdrawal Rates Using Historical Data. Journal of Financial Planning. Quelle
  2. Milevsky, Moshe Arye; Robinson, Chris (2000): Self-Annuitization and Ruin in Retirement. North American Actuarial Journal 4 (4), S. 112–124. doi:10.1080/10920277.2000.10595940
  3. Pfau, Wade D.; Kitces, Michael E. (2013): Reducing Retirement Risk with a Rising Equity Glide-Path. SSRN. doi:10.2139/ssrn.2324930

Gesamtes Literaturverzeichnis

Dieser Artikel erklärt eine Methode; er ist keine Anlage- oder Steuerberatung. Zahlenbeispiele sind vereinfacht und gerundet. Alle Begriffe im Glossar.