Shiller-KGV (CAPE): wie teuer ist der Aktienmarkt?
Das Shiller-KGV, englisch CAPE (Cyclically Adjusted Price-Earnings Ratio), teilt den Kurs eines Aktienmarkts durch den inflationsbereinigten Durchschnittsgewinn der letzten zehn Jahre. Der lange Durchschnitt glättet Rezessionen und Booms. Robert Shiller hat die Kennzahl bekannt gemacht; für den US-Markt gibt es Daten bis 1881. Kaum eine Bewertungskennzahl ist so gut erforscht und so oft missverstanden.
Shiller-KGV berechnen
CAPE = realer Kurs / Durchschnitt der realen Gewinne der letzten 10 Jahre- realer Kurs
- Indexstand in heutiger Kaufkraft
- reale Gewinne
- Gewinne je Indexanteil, mit dem Verbraucherpreisindex auf heutige Kaufkraft umgerechnet
Das gewöhnliche KGV teilt durch den Gewinn der letzten zwölf Monate. In Rezessionen brechen die Gewinne ein, das KGV springt nach oben, obwohl die Kurse gefallen sind. Es sendet dann das falsche Signal. Der Zehnjahresdurchschnitt umfasst etwa einen ganzen Konjunkturzyklus. Campbell und Shiller (1988) zeigten mit US-Daten von 1871 bis 1986, dass langjährige Durchschnittsgewinne den Wert künftiger Dividenden gut vorhersagen: Zwei Drittel bis drei Viertel des Gewichts lagen auf diesem Gewinnmaß.
Gewinnrendite: was ein CAPE für die Rendite bedeutet
Der Kehrwert 1 / CAPE heißt Gewinnrendite (Earnings Yield). Schütten Unternehmen ihre Gewinne aus oder investieren sie zu marktüblichen Renditen, ist sie eine grobe Schätzung der langfristigen realen Aktienrendite, also nach Inflation. Ein CAPE von 17 entspricht einer Gewinnrendite von 5,88 %, ein CAPE von 40 nur noch 2,50 %.
| CAPE | Gewinnrendite 1 / CAPE |
|---|---|
| 10 | 10,00 % |
| 17 | 5,88 % |
| 25 | 4,00 % |
| 40 | 2,50 % |
Für die USA lag das CAPE von 1881 bis Oktober 2026 im Mittel bei 17,8 (Median 16,6) und in 71 % der Monate zwischen 10 und 25. Werte über 30 gab es 1929, von 1997 bis 2002 und dann wieder fast durchgehend seit 2017. Im Oktober 2026 stand es vorläufig bei 40,8. Höher war es nur um die Jahrtausendwende.
Excess CAPE Yield: Aktien gegen Anleihen
Ein hohes CAPE ist weniger beunruhigend, wenn auch Anleihen wenig bringen. Shiller u. a. (2020) vergleichen deshalb die Gewinnrendite mit dem realen Zins langer Staatsanleihen und schätzen so die erwartete reale Überrendite von Aktien gegenüber Anleihen. Diese Differenz heißt Excess CAPE Yield.
Excess CAPE Yield = 1 / CAPE − (Zins 10-jährige Staatsanleihe − Inflation)- Inflation
- zum Beispiel die durchschnittliche Inflation der letzten zehn Jahre
Was die Forschung zeigt
Bekannt wurde das CAPE durch Shillers Buch über spekulative Übertreibungen (Shiller 2000), erschienen kurz vor dem Platzen der Technologieblase. Campbell und Shiller (1998) zeigten, dass hohe Bewertungen in den USA niedrigen Renditen der folgenden zehn Jahre vorausgingen. Selbst Kritiker sehen in der Kennzahl einen der besseren Langfristindikatoren:
„has served as one of the best forecasting models for long-term future stock returns“Siegel (2016) argumentiert zugleich, dass geänderte Bilanzierungsregeln (etwa Abschreibungen zum Marktwert) die ausgewiesenen Gewinne gedrückt und das CAPE nach oben verzerrt haben; mit volkswirtschaftlichen Unternehmensgewinnen fallen die Prognosen weniger düster aus. Welch und Goyal (2008) prüften viele vorgeschlagene Prognosevariablen der Aktienprämie und fanden, dass die meisten innerhalb wie außerhalb der Stichprobe schlecht abschneiden und einem Anleger beim Timing nicht geholfen hätten.
Für Fortgeschrittene: Wie belastbar ist die Prognose?
Die übliche Auswertung ist eine Regression der realen Rendite der folgenden zehn Jahre auf die Gewinnrendite 1 / CAPE. Mit monatlichen US-Daten ab 1881 ergibt sich in einer eigenen Auswertung ungefähr: Folgerendite ≈ 0,21 % + 0,91 × (1 / CAPE), bei einem R² von 0,28.
Regression aus dem Abschnitt oben: 0,21 % + 0,91 × (1 / CAPE), dazu das Band von rund ±6 Prozentpunkten, in dem 80 % der historischen Abweichungen lagen. Zwischen CAPE 17 und CAPE 40 liegen nur gut 3 Prozentpunkte, das Band ist 12 Prozentpunkte breit.
Die Zahl der Beobachtungen täuscht: Zehnjahresrenditen aus Monatsdaten überlappen sich fast vollständig. 1.590 Monatswerte enthalten nur 1.590 / 120 ≈ 13 voneinander unabhängige Zehnjahreszeiträume. Boudoukh u. a. (2008) zeigen, warum Regressionen über lange, überlappende Horizonte deshalb eine scheinbar hohe Vorhersagekraft erzeugen: Die Schätzer für verschiedene Horizonte sind fast perfekt korreliert. Standardfehler nach Newey und West (1987) mit entsprechend vielen Lags helfen, sind bei so wenigen unabhängigen Zeiträumen aber eher noch zu optimistisch.
- Gewinnrendite oder Logarithmus: Statt 1 / CAPE lässt sich auch log(CAPE) als erklärende Größe nehmen; beide Formen liefern ähnliche Rangfolgen, aber unterschiedliche Prognosen an den Rändern.
- Stichprobe: Ab 1950 oder 1990 gerechnet, verschieben sich Mittelwert und Koeffizienten deutlich. Das deutet auf strukturelle Änderungen hin.
- Perzentil statt Niveau: Wie hoch das CAPE im Vergleich zur eigenen Geschichte ist, lässt sich als Perzentil oder z-Wert ausdrücken; beides hängt vom gewählten Vergleichszeitraum ab.
Was das CAPE nicht kann
- Kurzfristig: Für die nächsten ein bis zwei Jahre sagt das CAPE fast nichts. Märkte können lange teuer bleiben, wie die Jahre 1997 bis 2000 zeigen.
- Strukturwandel: Andere Bilanzierung, höhere Margen und niedrigere Zinsen haben das Niveau verschoben; der langjährige Durchschnitt von rund 17 ist kein fester Zielwert.
- Nur ein Markt: Die langen Daten gelten für die USA; für Europa oder Schwellenländer liegen die Werte meist deutlich niedriger, mit kürzerer Historie.
- Zusammensetzung: Ein Index mit vielen wachstumsstarken Technologieunternehmen hat aus guten Gründen ein höheres KGV als einer mit Banken und Versorgern.
Das CAPE richtig einordnen
Drei Fragen helfen, eine CAPE-Zahl nicht zu überschätzen. Erstens: Im Vergleich wozu? Ein Perzentil von 95 % im Vergleich zu allen Monaten seit 1881 kann im Vergleich zu den letzten 30 Jahren nur ein mittlerer Wert sein. Zweitens: Wie hoch sind die Zinsen? Bei realen Zinsen nahe null ist eine niedrige Gewinnrendite weniger ungewöhnlich als bei realen Zinsen von 3 %. Drittens: Welcher Markt? Das US-CAPE sagt wenig über europäische Aktien oder ein Weltportfolio, in dem die USA zwar dominieren, aber nicht allein stehen.
Eine nützliche Übung ist, die Gewinnrendite als Startpunkt für die eigene Planung zu nehmen und bewusst eine Spanne zu rechnen: Was passiert mit dem Ruhestandsplan, wenn Aktien in den nächsten zehn Jahren real nur 2 % statt 5 % bringen? Wer darauf eine gute Antwort hat, muss das CAPE nicht fürchten. Die historische Aktienprämie über lange Zeiträume ist Thema des Artikels Aktienrisikoprämie.
In der Praxis
Das CAPE eignet sich für langsame, regelbasierte Anpassungen des Aktienanteils und um Erwartungen für Planungen zu setzen, etwa eine vorsichtigere Rendite in der Monte-Carlo-Simulation. Als Signal für kurzfristiges Ein- und Aussteigen taugt es nicht (siehe Market Timing).
Ein Beispiel für eine solche Regel ist das Bewertungsmodell der Taktik: Liegt das CAPE höchstens beim 50. Perzentil seiner bisherigen Geschichte, ist das Risikoportfolio voll investiert; ab dem 90. Perzentil nur noch zu 30 %; dazwischen sinkt der Anteil linear. Bei einem Perzentil von 70 % sind es also 1 − (0,7 − 0,5) / 0,4 × 0,7 = 65 %, der Rest liegt im Geldmarkt.
So rechnet Portfolio Lab
Die Seite Bewertung zeigt das CAPE des S&P 500 seit 1881: aus Shillers Monatsdaten, bis heute verlängert mit einer aktuellen Monatsreihe (der laufende Monat gilt als vorläufig, Abweichungen im Überlappungszeitraum werden ausgewiesen). Die reale Gesamtrendite je Monat entsteht aus Kurs und Dividende, bereinigt um den Verbraucherpreisindex. Die Renditeerwartung ist eine Regression der Folgerendite über 5, 10 oder 15 Jahre auf 1 / CAPE oder log(CAPE), wahlweise ab 1881, 1950 oder 1990, mit Standardfehlern nach Newey-West (Horizont minus 1 Lags); t-Wert und R² erscheinen erst ab etwa fünf unabhängigen Zeiträumen. Das Band um die Schätzung ist das 10.- bis 90.-Perzentil der historischen Abweichungen, kein Konfidenzintervall. Die Excess CAPE Yield rechnet mit dem Zins 10-jähriger US-Staatsanleihen minus der durchschnittlichen Inflation der letzten zehn Jahre. Mehr in der Methodik der Bewertung.
Häufige Fragen
Was ist ein hohes Shiller-KGV?
Für die USA lag es seit 1881 meist zwischen 10 und 25, im Mittel bei knapp 18. Werte über 30 gab es vor allem um 1929, um 2000 und seit Ende der 2010er-Jahre.
Warum zehn Jahre?
Ein ganzer Konjunkturzyklus dauert ungefähr so lange. Der Durchschnitt verhindert, dass ein einzelnes Rezessions- oder Boomjahr das KGV verzerrt.
Sollte ich bei hohem CAPE verkaufen?
Historisch hat das oft Rendite gekostet, weil hohe Bewertungen lange anhalten können. Vorsichtigere Renditeannahmen und ein bewusst gewählter Aktienanteil sind die sinnvollere Reaktion.
Welche Rendite lässt ein CAPE von 40 erwarten?
Nach der historischen Regression real etwa 2 bis 3 % pro Jahr über zehn Jahre, mit einer Unsicherheit von mehreren Prozentpunkten in beide Richtungen.
Gibt es das CAPE auch für Europa oder den MSCI World?
Ja, berechnet nach derselben Methode, aber mit deutlich kürzerer Historie. Europa und Schwellenländer lagen in den letzten Jahren meist deutlich unter den USA.
Was ist der Unterschied zwischen CAPE und KGV?
Das KGV nutzt den Gewinn der letzten zwölf Monate, das CAPE den inflationsbereinigten Durchschnitt von zehn Jahren. Das CAPE schwankt dadurch ruhiger und ist in Rezessionen aussagekräftiger.
Literatur
- Boudoukh, Jacob; Richardson, Matthew; Whitelaw, Robert F. (2008): The Myth of Long-Horizon Predictability. Review of Financial Studies 21 (4), S. 1577–1605. doi:10.1093/rfs/hhl042
- Campbell, John Y.; Shiller, Robert J. (1988): Stock Prices, Earnings, and Expected Dividends. The Journal of Finance 43 (3), S. 661–676. doi:10.1111/j.1540-6261.1988.tb04598.x
- Campbell, John Y.; Shiller, Robert J. (1998): Valuation Ratios and the Long-Run Stock Market Outlook. The Journal of Portfolio Management 24 (2), S. 11–26. doi:10.3905/jpm.24.2.11
- Newey, Whitney K.; West, Kenneth D. (1987): A Simple, Positive Semi-Definite, Heteroskedasticity and Autocorrelation Consistent Covariance Matrix. Econometrica 55 (3). doi:10.2307/1913610
- Shiller, Robert J. (2000): Irrational Exuberance. Princeton University Press.
- Shiller, Robert J.; Black, Laurence; Jivraj, Farouk (2020): CAPE and the COVID-19 Pandemic Effect. SSRN. doi:10.2139/ssrn.3714737
- Siegel, Jeremy J. (2016): The Shiller CAPE Ratio: A New Look. Financial Analysts Journal 72 (3), S. 41–50. doi:10.2469/faj.v72.n3.1
- Welch, Ivo; Goyal, Amit (2008): A Comprehensive Look at The Empirical Performance of Equity Premium Prediction. Review of Financial Studies 21 (4), S. 1455–1508. doi:10.1093/rfs/hhm014
Dieser Artikel erklärt eine Methode; er ist keine Anlage- oder Steuerberatung. Zahlenbeispiele sind vereinfacht und gerundet. Alle Begriffe im Glossar.