Aktienrisikoprämie: Wie viel mehr Aktien bringen und warum das ein Rätsel ist
Die Aktienrisikoprämie (Equity Risk Premium) ist der Betrag, um den Aktien langfristig mehr bringen als sichere Anlagen wie Geldmarkt oder Staatsanleihen. Sie ist die wichtigste Zahl der Geldanlage: Von ihr hängt ab, wie viel ein Aktiensparplan erwarten lässt, wie Unternehmen ihre Kapitalkosten rechnen und wie viel Risiko sich überhaupt lohnt. Gleichzeitig ist sie schwer zu messen, schwankt mit der Bewertung und war historisch so hoch, dass Ökonomen von einem Rätsel sprechen.
Definition: Prämie gegenüber was?
Aktienrisikoprämie = Rendite von Aktien − Rendite der sicheren Anlage- Aktienrendite
- Kursgewinne plus Dividenden, breiter Markt
- sichere Anlage
- Geldmarkt (kurze Staatspapiere) oder langlaufende Staatsanleihen
Je nach Vergleich ergeben sich unterschiedliche Zahlen: Gegenüber dem Geldmarkt ist die Prämie größer als gegenüber langlaufenden Anleihen, die selbst eine Laufzeitprämie enthalten. Außerdem unterscheidet man die historische Prämie (was Aktien tatsächlich mehr brachten) von der erwarteten Prämie (was sie künftig voraussichtlich mehr bringen). Die historische ist messbar, aber nur eine Schätzung der erwarteten, und zwar eine verzerrte, wenn sich die Bewertung im Messzeitraum stark verändert hat.
Eine dritte Unterscheidung betrifft den Mittelwert: Das arithmetische Mittel der jährlichen Prämien liegt über dem geometrischen (der jährlichen Durchschnittsrate über viele Jahre). Für die Vermögensplanung ist das geometrische Mittel maßgeblich, für die Erwartung eines einzelnen Jahres das arithmetische.
arithmetisches Mittel ≈ geometrisches Mittel + σ² / 2- σ
- Volatilität der Aktienrenditen
Was die Geschichte zeigt
Lange Datenreihen gibt es vor allem für die USA. Siegel (2014) hat die Renditen von Aktien, Anleihen, Geldmarkt und Gold in den USA bis ins frühe 19. Jahrhundert zurückverfolgt; Aktien lagen über lange Zeiträume deutlich vorn. Weil die USA im Nachhinein der erfolgreichste große Markt waren, überzeichnen US-Daten die Prämie möglicherweise. Dimson u. a. (2002) haben deshalb die Renditen über 101 Jahre für viele Länder zusammengetragen, auch für Märkte, die Kriege und Hyperinflation durchlebten. Auch in dieser breiteren Sicht brachten Aktien mehr als Anleihen und Geldmarkt, wenn auch mit großen Unterschieden zwischen den Ländern.
Eine wichtige Einschränkung zeigt Bessembinder (2018): Die Prämie des Gesamtmarkts entsteht aus einer kleinen Zahl außergewöhnlich erfolgreicher Unternehmen; die Mehrheit der Einzelaktien schnitt über ihre Lebensdauer nicht besser ab als Geldmarktpapiere. Die Prämie gehört also dem, der breit streut, nicht automatisch dem, der einzelne Aktien hält.
Und was Anleger tatsächlich verdient haben, liegt darunter: Dichev (2007) zeigt mit geldgewichteten Renditen, dass Anleger durch das Timing ihrer Zu- und Abflüsse in fast allen großen Märkten weniger erzielten als Kaufen und Halten, und folgert, dass die historische Prämie aus Sicht der Anleger niedriger war als oft angenommen (siehe zeitgewichtete Rendite).
Das Equity Premium Puzzle
Mehra und Prescott (1985) haben gefragt, ob sich die historische Prämie mit einem Standardmodell der Ökonomie erklären lässt, in dem Anleger ihren Konsum über die Zeit glätten wollen. Ihr Befund für die USA von 1889 bis 1978: Die Einschränkungen, die solche Gleichgewichtsmodelle für die Durchschnittsrenditen von Aktien und kurzfristigen Staatspapieren vorgeben, werden von den Daten deutlich verletzt. Mit plausibler Risikoaversion müssten Aktien viel weniger mehr bringen, oder der sichere Zins müsste viel höher sein. Das ist das Equity Premium Puzzle.
Eine bekannte Erklärung kommt aus der Verhaltensökonomie. Benartzi und Thaler (1995) kombinieren zwei Annahmen: Anleger sind verlustavers (Verluste schmerzen deutlich stärker, als gleich große Gewinne erfreuen) und sie prüfen ihr Depot häufig. Diese kurzsichtige Verlustaversion lässt Aktien riskanter erscheinen, als sie für einen langfristigen Anleger sind. In ihren Simulationen passt die Höhe der Prämie zu den bekannten Parametern der Prospect Theory von Kahneman und Tversky (1979), wenn Anleger ihr Portfolio etwa einmal im Jahr bewerten.
Für Privatanleger steckt darin ein praktischer Rat: Wer sein Depot seltener anschaut, empfindet weniger Verluste und hält Aktien eher durch. Damit kassiert er die Prämie, die andere wegen ihrer Ungeduld liegen lassen.
Die erwartete Prämie schätzen
Statt in die Vergangenheit zu schauen, kann man die Prämie aus heutigen Preisen ableiten. Das einfachste Modell ist das Dividendenwachstumsmodell: Die erwartete Aktienrendite ist die Dividendenrendite plus das erwartete Wachstum der Dividenden.
E[R] ≈ D / P + g, Prämie ≈ D / P + g − r_f- D / P
- Dividendenrendite
- g
- langfristiges Wachstum der Dividenden bzw. Gewinne
- r_f
- sicherer Zins
Fama und French (2002) haben so die Prämie für die USA von 1951 bis 2000 geschätzt: Aus dem Dividendenwachstum ergeben sich 2,55 %, aus dem Gewinnwachstum 4,32 %. Beides liegt weit unter den 7,43 %, die die Durchschnittsrendite des Zeitraums nahelegt. Ihre Erklärung: Die hohe Rendite dieser 50 Jahre stammt zu einem großen Teil aus sinkenden Diskontsätzen, also aus einer Neubewertung, die einen unerwartet hohen Kursgewinn erzeugte. Ihr Fazit: Die Durchschnittsrendite des letzten halben Jahrhunderts war deutlich höher als erwartet.
Bewertungsmaße wie das Shiller-KGV liefern ähnliche Schätzungen für zehn Jahre. Ihre Prognosekraft ist aber begrenzt: Welch und Goyal (2008) zeigen, dass die meisten bekannten Vorhersagevariablen für die Aktienprämie über Jahrzehnte weder in noch außerhalb der Stichprobe zuverlässig waren und einem Anleger beim Market Timing nicht geholfen hätten.
Für Fortgeschrittene: Wie sicher ist die Prämie über lange Zeit?
Eine positive erwartete Prämie heißt nicht, dass Aktien über einen bestimmten Zeitraum sicher vorn liegen. Nimmt man an, die logarithmierte Überrendite habe einen Mittelwert von 3 % pro Jahr und eine Volatilität von 18 %, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass Aktien über T Jahre hinter der sicheren Anlage zurückbleiben:
P(Aktien schlechter über T Jahre) = Φ(−0,03 × √T / 0,18)- Φ
- Verteilungsfunktion der Standardnormalverteilung
- T
- Anlagedauer in Jahren
| Anlagedauer | Wahrscheinlichkeit, hinter der sicheren Anlage zu liegen |
|---|---|
| 1 Jahr | 43,4 % |
| 10 Jahre | 29,9 % |
| 20 Jahre | 22,8 % |
| 30 Jahre | 18,1 % |
Die Wahrscheinlichkeit sinkt mit der Zeit, verschwindet aber nicht. Zugleich werden die möglichen Fehlbeträge über lange Zeit größer. Das ist kein Widerspruch zur langfristigen Überlegenheit von Aktien, sondern der Grund, warum es eine Prämie gibt: Wäre sie über 20 Jahre sicher, würde niemand sie zahlen. Die Rechnung setzt unabhängige, normalverteilte Renditen voraus; mit Fat Tails und schwankenden Bewertungen ist das Bild noch unsicherer.
Prämie in Euro: gegenüber Geldmarkt und Anleihen
Für einen Anleger in Euro ist die relevante Prämie die Mehrrendite eines weltweit gestreuten Aktienportfolios in Euro gegenüber dem Euro-Geldmarkt oder gegenüber Euro-Staatsanleihen. Zwei Besonderheiten verändern die Rechnung:
- Zinsphasen: Von 2014 bis 2022 lag der Euro-Geldmarkt unter null. Gegenüber dem Geldmarkt war die Prämie in dieser Zeit bei gleicher Aktienrendite entsprechend größer. Steigen die Zinsen, sinkt die Prämie bei unveränderten Aktienrenditen.
- Währung: Ein Weltportfolio in Euro trägt das Risiko des US-Dollars und anderer Währungen. Dieses Risiko bringt langfristig keine verlässliche eigene Prämie, verändert aber die Rendite einzelner Jahre stark (siehe Währungsrisiko).
- Laufzeitprämie: Gegenüber langen Staatsanleihen ist die Aktienprämie kleiner als gegenüber dem Geldmarkt, weil lange Anleihen selbst eine Prämie für ihr Zinsrisiko tragen.
Was das für die Planung bedeutet
- Vorsichtig rechnen: Für Pläne über Jahrzehnte ist eine Prämie unter dem historischen Durchschnitt angemessener, besonders bei hohen Bewertungen.
- Geometrisch planen: Für Endvermögen zählt die geometrische Rendite, nicht die arithmetische.
- Breit streuen: Die Prämie entsteht im Markt als Ganzem; Einzelaktien tragen viel Risiko ohne zusätzliche Entlohnung (siehe CAPM).
- Durchhalten: Die Prämie wird nur dem gezahlt, der in schlechten Phasen investiert bleibt. Wer nach einem Einbruch verkauft, tauscht die erwartete Prämie gegen einen sicheren Verlust.
Ilmanen (2011) gibt einen umfassenden Überblick über erwartete Renditen aller großen Anlageklassen und über die Frage, wie man historische und bewertungsbasierte Schätzungen sinnvoll kombiniert.
So rechnet Portfolio Lab
Die Seite Bewertung zeigt das Shiller-KGV seit 1881, seine Ertragsrendite 1/CAPE und die Excess CAPE Yield als Schätzung der realen Prämie gegenüber Anleihen: Ertragsrendite minus Realzins, wobei der Realzins die zehnjährige Anleiherendite abzüglich der durchschnittlichen Inflation der letzten zehn Jahre ist. Dazu schätzt sie per Regression mit Newey-West-Standardfehlern, welche reale Rendite in den folgenden 5, 10 oder 15 Jahren auf ein bestimmtes Bewertungsniveau folgte. In Monte Carlo und den Finanzzielen lässt sich die erwartete Rendite vorsichtiger ansetzen als der historische Durchschnitt. Details stehen in der Methodik der Bewertung.
Häufige Fragen
Wie hoch ist die Aktienrisikoprämie?
Historisch lag sie gegenüber dem Geldmarkt je nach Land und Zeitraum bei einigen Prozentpunkten pro Jahr. Bewertungsbasierte Schätzungen für die Zukunft fallen meist niedriger aus.
Was ist das Equity Premium Puzzle?
Die Beobachtung, dass Aktien historisch so viel mehr brachten, als Standardmodelle der Ökonomie mit plausibler Risikoaversion erklären können.
Warum ist die Prämie nicht sicher, wenn man lange anlegt?
Weil auch über 20 oder 30 Jahre schlechte Phasen möglich sind. Die Wahrscheinlichkeit, hinter sicheren Anlagen zu liegen, sinkt mit der Zeit, wird aber nicht null.
Welche Rendite sollte ich für meinen Sparplan annehmen?
Eine vorsichtige: lieber unter dem historischen Durchschnitt, real gerechnet und nach Kosten. Eine Monte-Carlo-Simulation zeigt die Spanne der möglichen Ergebnisse.
Warum haben Anleger weniger verdient als der Markt?
Weil viele nach Kursanstiegen kauften und nach Verlusten verkauften. Geldgewichtete Renditen der Anleger liegen deshalb in fast allen großen Märkten unter den Renditen des Marktes.
Ist die Marktrisikoprämie dasselbe wie die Aktienrisikoprämie?
Im Alltag meist ja. Im CAPM bezeichnet die Marktrisikoprämie die Prämie des gesamten Marktportfolios, das streng genommen mehr als Aktien enthält.
Ist die Prämie in hohen Bewertungsphasen kleiner?
Bewertungsbasierte Schätzungen sagen das: Bei hohem Shiller-KGV fallen die geschätzten Renditen der folgenden zehn Jahre niedriger aus. Die Prognosen sind aber unsicher und taugen kaum für kurzfristiges Timing.
Literatur
- Benartzi, S.; Thaler, R. H. (1995): Myopic Loss Aversion and the Equity Premium Puzzle. The Quarterly Journal of Economics 110 (1), S. 73–92. doi:10.2307/2118511
- Bessembinder, Hendrik (2018): Do stocks outperform Treasury bills?. Journal of Financial Economics 129 (3), S. 440–457. doi:10.1016/j.jfineco.2018.06.004
- Dichev, Ilia D (2007): What Are Stock Investors' Actual Historical Returns? Evidence from Dollar-Weighted Returns. American Economic Review 97 (1), S. 386–401. doi:10.1257/aer.97.1.386
- Dimson, Elroy; Marsh, Paul; Staunton, Mike (2002): Triumph of the Optimists: 101 Years of Global Investment Returns. Princeton University Press.
- Fama, Eugene F.; French, Kenneth R. (2002): The Equity Premium. The Journal of Finance 57 (2), S. 637–659. doi:10.1111/1540-6261.00437
- Ilmanen, Antti (2011): Expected Returns: An Investor's Guide to Harvesting Market Rewards. Wiley.
- Kahneman, Daniel; Tversky, Amos (1979): Prospect Theory: An Analysis of Decision under Risk. Econometrica 47 (2). doi:10.2307/1914185
- Mehra, Rajnish; Prescott, Edward C. (1985): The equity premium: A puzzle. Journal of Monetary Economics 15 (2), S. 145–161. doi:10.1016/0304-3932(85)90061-3
- Siegel, Jeremy J. (2014): Stocks for the Long Run. McGraw-Hill Education, 5. Auflage.
- Welch, Ivo; Goyal, Amit (2008): A Comprehensive Look at The Empirical Performance of Equity Premium Prediction. Review of Financial Studies 21 (4), S. 1455–1508. doi:10.1093/rfs/hhm014
Dieser Artikel erklärt eine Methode; er ist keine Anlage- oder Steuerberatung. Zahlenbeispiele sind vereinfacht und gerundet. Alle Begriffe im Glossar.