Home Bias: Die Vorliebe für den Heimatmarkt und was sie kostet
Als Home Bias bezeichnet man die Neigung von Anlegern, viel mehr Aktien aus dem eigenen Land zu halten, als es dessen Anteil am Weltaktienmarkt entspricht. Deutsche Anleger setzen gern auf den DAX, Amerikaner auf US-Aktien, Japaner auf japanische Werte. Die Heimat fühlt sich vertraut und sicher an. Tatsächlich kostet die fehlende Streuung aber Risiko ohne Gegenleistung. Dieser Artikel zeigt, wie groß der Effekt ist, wo er herkommt und wann ein gewisser Heimvorteil doch sinnvoll sein kann.
Was Home Bias bedeutet
Ein Anleger ohne Vorlieben würde Aktien nach ihrem Anteil am Weltmarkt halten: viel USA, einiges aus Japan, Großbritannien und Europa, ein Teil Schwellenländer. Deutschland macht davon nur einen kleinen Teil aus. Wer dagegen die Hälfte oder mehr in deutsche Aktien steckt, hat einen ausgeprägten Home Bias. Das Gleiche gilt im Kleinen, wenn man vor allem Aktien des eigenen Arbeitgebers oder aus der eigenen Region kauft.
Wie verbreitet das ist, zeigten French und Poterba (1991) schon Anfang der 1990er-Jahre: Japanische Anleger hielten mehr als 98 % ihres Aktienvermögens im Inland, US-Anleger 94 %, britische Anleger 82 %. Nach ihrem Modell hätten diese Anleger erwarten müssen, dass ihr Heimatmarkt mehrere Prozentpunkte pro Jahr mehr bringt als das Ausland, sonst ergibt die Aufteilung keinen Sinn. Ihr Fazit: Die geringe Streuung ist eine Entscheidung der Anleger, keine Folge von Beschränkungen.
Was fehlende Streuung kostet
Märkte verschiedener Länder laufen nicht im Gleichschritt. Je niedriger die Korrelation zwischen zwei Märkten, desto stärker sinkt die Schwankung, wenn man sie mischt. Solnik (1974) hat das früh gezeigt: Das Risiko eines Aktienportfolios fällt deutlich stärker, wenn man auch ausländische Aktien beimischt, als wenn man nur im Inland mehr Titel kauft.
Volatilität (50/50, gleiche Einzelvolatilität σ) = σ × √((1 + ρ) / 2)- σ
- Volatilität jedes einzelnen Marktes
- ρ
- Korrelation zwischen den Märkten
Dazu kommt das Klumpenrisiko eines einzelnen Landes. Ein nationaler Index besteht aus wenigen Dutzend großen Unternehmen und ist oft in einigen Branchen konzentriert. Wirtschaftspolitische Fehler, eine Bankenkrise oder der Niedergang einer Schlüsselbranche treffen den ganzen Markt. Weltweit gestreut, verteilt sich dieses Risiko auf viele Volkswirtschaften. Ein Blick auf lange Reihen zeigt außerdem, dass einzelne Länder über Jahrzehnte weit hinter dem Weltmarkt zurückbleiben können.
Ein Blick auf lange Zeiträume
Wie lang die Durststrecke eines einzelnen Landes sein kann, zeigt Japan: Der Leitindex Nikkei 225 erreichte seinen Höchststand von Ende 1989 erst im Jahr 2024 wieder. Ein japanischer Anleger mit starkem Home Bias hätte über mehr als drei Jahrzehnte kaum Kursgewinne gesehen, während andere Märkte zulegten. Dividenden milderten das etwas, ändern das Bild aber nicht grundsätzlich. Kein Land ist davor geschützt, auch Deutschland nicht.
Home Bias im eigenen Depot messen
Ob du selbst einen Home Bias hast, lässt sich leicht überschlagen: Addiere den Deutschland-Anteil aller Fonds, jeweils mit ihrem Gewicht im Depot. Ein Welt-ETF enthält Deutschland mit seinem kleinen Anteil am Weltmarkt; ein DAX-ETF besteht vollständig aus deutschen Aktien.
Deutschland im Welt-Index wie im Beispiel mit 2 % angenommen. Von den 31,4 % stammen 30 % aus dem DAX-ETF und 1,4 % aus dem Welt-ETF.
Genau solche Überschneidungen macht das Look-through in Portfolio Lab sichtbar. Ob eine bewusste Übergewichtung gewollt ist, ist dann eine informierte Entscheidung statt eines Zufalls.
Warum Anleger trotzdem zu Hause investieren
Die Forschung hat viele Erklärungen gesammelt; Lewis (1999) gibt einen Überblick. Keine allein erklärt das Ausmaß, zusammen ergeben sie ein Bild:
- Vertrautheit: Bekannte Marken und Unternehmen fühlen sich sicherer an. Vertrautheit ist aber kein Maß für Risiko.
- Informationsvorsprung (oder Illusion davon): Coval und Moskowitz (1999) fanden sogar innerhalb der USA eine Vorliebe von Fondsmanagern für Unternehmen aus ihrer Region, besonders für kleine Firmen. Sie vermuten ungleich verteilte Informationen als Ursache. Für Privatanleger ist ein echter Vorsprung selten.
- Kosten und Steuern: Früher waren ausländische Aktien teurer zu handeln und schwerer zu bekommen; Quellensteuern auf Dividenden spielen bis heute eine Rolle. Breite ETFs haben diese Hürden weitgehend beseitigt.
- Währung: Ausgaben fallen in Euro an; ausländische Aktien bringen ein Wechselkursrisiko mit (siehe Währungsrisiko).
- Verhalten: Optimismus über die eigene Wirtschaft und das Gefühl, Kontrolle zu haben, verstärken die Neigung.
Für Fortgeschrittene: Was die Aufteilung über Erwartungen verrät
Der Ansatz von French und Poterba lässt sich umdrehen: Aus einer beobachteten Aufteilung kann man berechnen, welche erwarteten Renditen sie rechtfertigen würden. Das ist dieselbe Idee wie die umgekehrte Optimierung im Black-Litterman-Modell, bei der aus Marktgewichten die impliziten Gleichgewichtsrenditen folgen. Für den starken Home Bias müssten Anleger ihrem Heimatmarkt mehrere Prozentpunkte pro Jahr mehr zutrauen als dem Ausland. Diese Erwartung lässt sich durch nichts belegen, und die Anleger in allen Ländern hätten sie gleichzeitig. Spätestens das zeigt, dass es sich um eine Verzerrung handelt und nicht um begründete Prognosen.
Wann eine Heimatneigung sinnvoll sein kann
Ganz falsch ist der Blick auf die Heimat nicht. Bei Anleihen und sicheren Anlagen ist eine starke Heimatneigung sogar sinnvoll: Wer in Euro lebt und ausgibt, sollte sein sicheres Geld in Euro halten. Campbell u. a. (2010) kommen für Anleiheportfolios zu dem Ergebnis, dass eine fast vollständige Währungsabsicherung das Risiko minimiert. Bei Aktien kann eine leichte Übergewichtung des Euroraums das Wechselkursrisiko mindern. Kritisch wird es, wenn ein einzelnes Land einen großen Teil des Aktienvermögens ausmacht.
Wichtig ist auch das Humankapital: Dein Einkommen hängt bereits an der heimischen Wirtschaft, oft an einer bestimmten Branche. Verliert sie, sind Job und Depot gleichzeitig betroffen. Aus dieser Sicht spricht viel dafür, im Depot eher weniger heimische Aktien zu halten und besonders wenig Aktien des eigenen Arbeitgebers.
Home Bias über das Depot hinaus
Die Heimatneigung endet nicht bei Aktien. Viele Haushalte besitzen eine Immobilie am Wohnort, haben ihre Altersvorsorge in heimischen Versicherungen und ihr Einkommen bei einem heimischen Arbeitgeber. Das gesamte Vermögen hängt dann stark an einer Region und einer Währung. Ein weltweit gestreutes Aktiendepot gleicht diese Konzentration teilweise aus. Das ist ein Grund mehr, dort nicht noch zusätzlich auf den Heimatmarkt zu setzen.
Das umgekehrte Problem: der US-Anteil im Welt-ETF
Wer statt DAX einen Welt-ETF kauft, hat das Länderrisiko nicht ganz los. Indizes gewichten nach Börsenwert, und dort dominieren die USA: Im MSCI World lag ihr Anteil laut MSCI World Factsheet (2026) Ende September 2026 bei 72,94 %, im MSCI ACWI mit Schwellenländern laut MSCI ACWI Factsheet (2026) bei 64,21 %. Ein Welt-ETF ist also marktgerecht gestreut, aber stark von einem Land abhängig. Ob man das mit Beimischungen ausgleicht, ist eine bewusste Entscheidung. Mehr dazu im Artikel Weltportfolio.
Eine Abweichung vom Weltmarkt ist immer eine aktive Wette. Das gilt für die Übergewichtung Deutschlands ebenso wie für eine Untergewichtung der USA.
So rechnet Portfolio Lab
Im Look-through zerlegt Portfolio Lab Fonds anhand ihrer Positionslisten nach Ländern, Regionen und Sektoren. So siehst du, wie viel Deutschland, Europa, USA und Schwellenländer tatsächlich in deinem Depot stecken, auch wenn sich mehrere ETFs überschneiden. Unter Assets lassen sich die Korrelationen zwischen Länder-ETFs berechnen, im Backtest vergleichst du ein DAX-lastiges Portfolio direkt mit einer weltweiten Streuung über denselben Zeitraum. Wie die Länderzuordnung funktioniert, beschreibt die Methodik des Look-through.
Häufige Fragen
Sollte ich Aktien meines Arbeitgebers halten?
Aus Sicht der Streuung möglichst wenige: Job und Depot hängen dann am selben Unternehmen. Fällt es in eine Krise, trifft es beides gleichzeitig.
Kostet Home Bias Rendite?
Nicht zwingend, aber er erhöht das Risiko ohne erwarteten Ausgleich. Ob der Heimatmarkt im Nachhinein besser oder schlechter lief, ist Zufall der jeweiligen Periode.
Was ist Home Bias?
Die Neigung, Aktien aus dem eigenen Land deutlich stärker zu gewichten, als es deren Anteil am Weltaktienmarkt entspricht.
Ist der DAX als einzige Aktienanlage sinnvoll?
Für die Streuung nicht: Der DAX enthält nur 40 Unternehmen eines Landes. Ein weltweit gestreuter Index verteilt das Risiko auf viele Länder und Branchen. Keine Anlageberatung.
Wie viel Deutschland gehört ins Depot?
Nach Börsenwert nur ein kleiner Anteil. Eine leichte Übergewichtung von Europa oder dem Euroraum kann wegen der Währung vertretbar sein; ein Großteil in einem Land ist ein Klumpenrisiko.
Haben auch Welt-ETFs einen Länderschwerpunkt?
Ja, die USA machen den größten Teil aus: im MSCI World Ende September 2026 72,94 %. Das ist marktgerecht, aber eine Abhängigkeit von einem Land.
Woher kommt der Begriff Home Bias?
Aus der Finanzforschung: „Equity Home Bias“ beschreibt die Übergewichtung heimischer Aktien. Die Verhaltensökonomie zählt ihn zu den Verzerrungen durch Vertrautheit.
Warum ist Home Bias bei Anleihen weniger problematisch?
Weil sichere Anlagen in der Währung gehalten werden sollten, in der man ausgibt. Fremdwährungsanleihen ohne Absicherung bringen vor allem Wechselkursschwankungen.
Literatur
- Campbell, John Y.; Serfaty-de Medeiros, Karine; Viceira, Luis M. (2010): Global Currency Hedging. The Journal of Finance 65 (1), S. 87–121. doi:10.1111/j.1540-6261.2009.01524.x
- Coval, Joshua D.; Moskowitz, Tobias J. (1999): Home Bias at Home: Local Equity Preference in Domestic Portfolios. The Journal of Finance 54 (6), S. 2045–2073. doi:10.1111/0022-1082.00181
- French, Kenneth; Poterba, James (1991): Investor Diversification and International Equity Markets. National Bureau of Economic Research, Working Paper 3609. doi:10.3386/w3609
- Lewis, Karen K. (1999): Trying to Explain Home Bias in Equities and Consumption. Journal of Economic Literature 37 (2), S. 571–608. doi:10.1257/jel.37.2.571
- MSCI Inc. (2026): MSCI World Index (GBP), Factsheet, Stand 30. September 2026. MSCI. Quelle
- MSCI Inc. (2026): MSCI ACWI Index (GBP), Factsheet, Stand 30. September 2026. MSCI. Quelle
- Solnik, Bruno H. (1974): Why Not Diversify Internationally Rather Than Domestically?. Financial Analysts Journal 30 (4), S. 48–54. doi:10.2469/faj.v30.n4.48
Dieser Artikel erklärt eine Methode; er ist keine Anlage- oder Steuerberatung. Zahlenbeispiele sind vereinfacht und gerundet. Alle Begriffe im Glossar.