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Fundamental-Backtest: Methodik für Kennzahlen aus Jahresberichten

Fortgeschritten9 Min. Lesezeit · aktualisiert am 7. November 2026 · 3 Quellen

Der Fundamental-Backtest wählt zu jedem Termin US-Aktien nach bis zu zehn Kennzahlen aus Jahresberichten aus und rechnet das Portfolio bis heute fort. Diese Methodik beschreibt, was der Code der Seite Fundamental-Backtest tut: woher die Zahlen kommen, ab wann sie gelten, wie Auswahl, Gewichte, Ersatz und Kosten funktionieren und wo die Grenzen liegen.

Universum und Daten

Das Universum sind die US-Unternehmen, die heute an NYSE, Nasdaq oder Cboe gelistet sind, laut der Tickerliste der SEC, mit einem Ticker je Unternehmen. Dabei sind nur Unternehmen, die einen Jahresbericht auf Formular 10-K einreichen; ausländische Emittenten mit 20-F oder 40-F fehlen. Zahlen kommen aus den XBRL-Daten der SEC je Unternehmen (US-GAAP, US-Dollar):

  • Jahresberichte: Formular 10-K und 10-KT (Rumpfjahr nach einem Wechsel des Geschäftsjahres), ohne Änderungsberichte 10-K/A. Je Bericht zählen die Werte, wie sie in genau diesem Bericht standen, und der Tag der Einreichung. Spätere Korrekturen stehen in späteren Berichten mit ihrem eigenen Tag.
  • Geschäftsjahr: Stichtag ist das jüngste Ende eines Zeitraums von 330 bis 400 Tagen für Umsatz, Jahresüberschuss, operatives Ergebnis oder operativen Cashflow; die Vorjahreswerte (Stichtag 345 bis 385 Tage davor) kommen aus demselben Bericht.
  • Aktienzahl: vom Deckblatt der Jahres- und Quartalsberichte (mehrere Gattungen zusammen) mit dem Tag der Einreichung; fehlt sie, die verwässerte durchschnittliche Aktienzahl des Jahresberichts.
  • Kurse: Schlusskurs am letzten Handelstag jedes Monats, einmal nur um Splits bereinigt (für den Börsenwert) und einmal mit wieder angelegten Dividenden (für die Rendite).

Der Nachtlauf holt die Berichte jedes Unternehmens alle 20 Tage neu und die Kurse nach jedem Monatsende. Kennzahlen in XBRL gibt es für große Unternehmen ab Mitte 2009, für alle ab Mitte 2011. Deshalb beginnt ein Test frühestens im Juni 2010 und standardmäßig im Juni 2012.

Ohne Look-ahead: Welche Zahlen zu einem Termin gelten

Termine sind Monatsenden. Zu einem Termin D zählt für jedes Unternehmen der zuletzt vor D eingereichte Jahresbericht; ein Bericht vom Tag D selbst zählt erst am nächsten Termin, weil er nach Börsenschluss gekommen sein kann. Liegt der Stichtag dieses Berichts mehr als 18 Monate vor D, fällt das Unternehmen an diesem Termin heraus. So sieht die Regel nur, was damals öffentlich war, und keine später korrigierten Zahlen.

EreignisDatumFolge
Ende des Geschäftsjahres 202431.12.2024noch nichts
Jahresbericht eingereicht28.02.2025am Termin 28.02.2025 noch nicht verwendet
Erster Termin mit den Zahlen31.03.2025Kennzahlen aus dem Bericht 2024
Letzter möglicher Termin ohne neuen Bericht30.06.2026Stichtag plus 18 Monate

Der Börsenwert zum Termin ist der um Splits bereinigte Schlusskurs mal der Aktienzahl des letzten Deckblatts vor D, umgerechnet über alle Splits nach dem Stand des Deckblatts. Das ist derselbe Wert wie damaliger Kurs mal damalige Aktienzahl:

Schlusskurs am Termin in der heutigen Zählweise der Aktien
Aktienzahl vom Deckblatt mit Stand t, eingereicht vor D
Produkt der Split-Verhältnisse nach t (2 bei 2:1)

Kennzahlen

Alle Kennzahlen kommen aus dem gültigen Jahresbericht und dem Börsenwert zum Termin. Fehlt ein Wert oder ist der Nenner nicht positiv, fehlt die Kennzahl, und ein Kriterium darauf gilt als nicht erfüllt. Ein KGV gibt es so nur mit Gewinn, ein KBV nur mit positivem Eigenkapital.

KennzahlRechnung
KGV, KBV, KUVBörsenwert / Jahresüberschuss, Eigenkapital bzw. Umsatz
Kurs/Free CashflowBörsenwert / (operativer Cashflow − Investitionen in Sachanlagen)
EV/EBITDA(Börsenwert + Finanzschulden − Kasse) / (operatives Ergebnis + Abschreibungen)
Gewinnrendite, DividendenrenditeJahresüberschuss bzw. gezahlte Dividenden / Börsenwert
EigenkapitalrenditeJahresüberschuss / Ø Eigenkapital aus Vorjahr und Jahr
MargenBruttoergebnis (fehlt es: Umsatz − Umsatzkosten), operatives Ergebnis, Jahresüberschuss, Free Cashflow / Umsatz
WachstumUmsatz, Gewinn je Aktie und verwässerte Aktienzahl gegen das Vorjahr
Schulden/EigenkapitalFinanzschulden in % des Eigenkapitals; ohne ausgewiesene Schulden 0
Momentum 12-1Rendite mit Dividenden von 12 Monaten bis 1 Monat vor dem Termin
Volatilität 12 MStandardabweichung der letzten 12 Monatsrenditen × √12

Monatsrenditen über dem Fünffachen oder unter einem Fünftel, die im Folgemonat fast ganz zurückgehen (Produkt beider Monate zwischen 0,5 und 2), gelten als Fehler der Kursdaten und zählen in beiden Monaten als 0.

Auswahl, Gewichte und Ersatz

Im Universum eines Termins sind alle Unternehmen mit gültigem Bericht, Kurs und einem Börsenwert ab der Mindestgrenze (Voreinstellung 1.000 Mio. $); auf Wunsch ohne Banken, Finanzierer, Versicherer, Börsen, Broker und Vermögensverwalter. Treffer sind die Aktien, die alle Kriterien erfüllen (bis zu 10, je Kriterium ≥ oder ≤). Mit einer Höchstzahl nimmt der Code die ersten nach einer gewählten Kennzahl, sonst nach Börsenwert. Gewichtet wird gleich oder nach Börsenwert.

Für den Fall, dass zu wenige oder gar keine Aktien übrig bleiben, gibt es die Mindestzahl m (Voreinstellung 10) und einen Ersatz:

Zahl der Treffer am Termin
Mindestzahl, 1 bis 100
Geldmarkt (3-monatige US-Schatzwechsel), S&P 500 mit Dividenden oder das Universum gleich gewichtet

Rebalancing, Drift und Kosten

Umgeschichtet wird monatlich, quartalsweise (Ende März, Juni, September, Dezember) oder jährlich Ende Juni, zum Schlusskurs am Termin. Ende Juni liegen die Jahresberichte der meisten Unternehmen mit Geschäftsjahr bis Dezember längst vor; auch Fama und French bilden ihre Portfolios mit den Abschlüssen des Vorjahres zur Jahresmitte, damit die Zahlen sicher bekannt sind (Fama und French 1993). Zwischen den Terminen treiben die Gewichte mit den Kursen. Fehlt für eine gehaltene Aktie eine Monatsrendite, zählt sie als 0.

Gewicht zu Monatsbeginn (getrieben) und Monatsrendite mit Dividenden je Aktie
Anteil und Monatsrendite des Ersatzes
Handelskosten je gehandeltem Anteil, Voreinstellung 10 Basispunkte (0 bis 200)
fallen am Termin an und mindern die Rendite des ersten Monats danach

Vergleich und Kennzahlen des Ergebnisses

Die Strategie steht neben zwei Vergleichen: dem S&P 500 (ETF mit wieder angelegten Dividenden) und dem Universum gleich gewichtet, im selben Rhythmus und ohne Kosten. Das Universum hat dieselbe Auswahl der heute gelisteten Unternehmen. Der Abstand der Strategie zu ihm zeigt deshalb eher, was die Kriterien beitragen, als der Abstand zum S&P 500. Kennzahlen wie im Backtest: Rendite p.a., Volatilität, Max. Drawdown, Sharpe und Sortino mit dem Geldmarkt als risikofreiem Zins, Beta und Alpha gegen den S&P 500. Dazu je Termin Universum, Treffer, gehaltene Aktien, Anteil im Ersatz und Umschlag, die Sektoren je Jahr und welches Kriterium wie viel aussiebt.

Grenzen

  • Survivorship Bias: Wer seit dem Start übernommen wurde, pleiteging oder die Börse verließ, fehlt im Universum, samt seinen letzten, oft großen Verlusten (Shumway 1997; Brown u. a. 1992). Das schönt vor allem Regeln, die billige, kleine oder hoch verschuldete Aktien kaufen.
  • Frühe Jahre: Bis Mitte 2012 haben vor allem große Unternehmen Daten; das Universum ist dann kleiner und besteht fast nur aus großen Werten.
  • Datenqualität: Unternehmen benennen Posten in XBRL unterschiedlich; der Code nimmt je Posten eine feste Liste üblicher Begriffe. Fehlt ein Posten, fehlt die Kennzahl.
  • Heutige Zuordnung: Sektoren und Ticker gelten nach dem heutigen Stand.
  • Handel: zum Schlusskurs am Termin, ohne Steuern, Marktwirkung und Leihe; keine Leerverkäufe.

Häufige Fragen

Ab wann darf ein Backtest eine Zahl aus dem Jahresbericht verwenden?

Erst nach der Einreichung bei der SEC. Der Fundamental-Backtest nutzt zu jedem Monatsende nur Berichte, die vorher eingereicht waren, mit den Werten, wie sie damals im Bericht standen. Spätere Korrekturen zählen erst ab ihrem eigenen Einreichungstag.

Was passiert, wenn kein Unternehmen alle Kriterien erfüllt?

Dann liegt das ganze Vermögen bis zum nächsten Termin im Ersatz: Geldmarkt, S&P 500 oder das Universum gleich gewichtet. Bei weniger Treffern als der Mindestzahl bekommt jede Aktie den Anteil, den sie bei der Mindestzahl hätte, der Rest geht in den Ersatz.

Warum ist das Ergebnis zu gut?

Weil das Universum aus den heute gelisteten Unternehmen besteht. Wer zwischendurch pleiteging oder übernommen wurde, fehlt (Survivorship Bias). Vergleiche die Regel deshalb mit dem Universum gleich gewichtet, das denselben Fehler hat.

Warum fehlt eine Aktie, obwohl sie die Kriterien heute erfüllt?

Häufige Gründe: Der Jahresbericht ist älter als 18 Monate, eine nötige Zahl fehlt in den XBRL-Daten, der Börsenwert liegt unter der Mindestgrenze, oder das Unternehmen reicht keinen Bericht auf Formular 10-K ein (ausländische Emittenten).

Welches Rebalancing passt zu Jahresberichten?

Jährlich Ende Juni nutzt die Berichte, sobald fast alle vorliegen, mit wenig Umschlag. Monatlich und quartalsweise kommen neue Berichte schneller ins Portfolio, kosten aber mehr Handel, zumal sich die Kennzahlen mit dem Kurs jeden Monat ändern.

Literatur

  1. Brown, Stephen J.; Goetzmann, William; Ibbotson, Roger G.; Ross, Stephen A. (1992): Survivorship Bias in Performance Studies. Review of Financial Studies 5 (4), S. 553–580. doi:10.1093/rfs/5.4.553
  2. Fama, Eugene F.; French, Kenneth R. (1993): Common risk factors in the returns on stocks and bonds. Journal of Financial Economics 33 (1), S. 3–56. doi:10.1016/0304-405x(93)90023-5
  3. Shumway, Tyler (1997): The Delisting Bias in CRSP Data. The Journal of Finance 52 (1), S. 327–340. doi:10.1111/j.1540-6261.1997.tb03818.x

Gesamtes Literaturverzeichnis

Diese Seite beschreibt, wie Portfolio Lab rechnet; Ergebnisse aus der Vergangenheit sind keine Prognose. Alle Begriffe im Glossar.