Stimmung: Methodik für Angst-Gier-Index, Put/Call und COT
Die Seite Stimmung sammelt, was Anleger gerade tun und fühlen: einen eigenen Angst-Gier-Index, die Put/Call-Quote, die Positionierung am Terminmarkt aus den COT-Berichten, Finanzstress und Liquidität sowie Signale zwischen den Anlageklassen. Jede Kennzahl steht mit Perzentil-Rang und z-Wert da, dazu mit einer Tabelle, was am Markt danach geschah. Diese Methodik beschreibt alles so, wie der Code rechnet.
Der Angst-Gier-Index
Der bekannte Fear & Greed Index eines US-Senders ist geschützt. Portfolio Lab rechnet deshalb einen eigenen Index nach offener Methode aus sechs Bausteinen. Jeder Baustein misst eine Facette der Stimmung an jedem Handelstag:
| Baustein | Rohwert | Gier, wenn … |
|---|---|---|
| Momentum | S&P 500 / Durchschnitt der letzten 125 Handelstage − 1 | der Index weit über seinem Durchschnitt liegt |
| Marktbreite | gleichgewichteter gegen kapitalgewichteten S&P 500 über 60 Handelstage | viele Aktien den Anstieg mittragen |
| Volatilität | −(VIX / Durchschnitt der letzten 50 Tage − 1) | der VIX unter seinem Durchschnitt liegt |
| VIX-Kurve | VIX 3 Monate / VIX − 1 | die Kurve steigt (Contango) |
| Sichere Häfen | Aktien minus Staatsanleihen mittlerer Laufzeit über 20 Handelstage | Aktien besser laufen als Anleihen |
| Hochzinsanleihen | Hochzins- minus Staatsanleihen über 20 Handelstage | Anleger Kreditrisiko kaufen |
Die Rohwerte haben unterschiedliche Einheiten. Deshalb wird jeder Baustein in Punkte von 0 bis 100 übersetzt: seinen Perzentil-Rang unter den Werten der letzten zwei Jahre bis zu diesem Tag, ohne spätere Werte. Der Index ist das Mittel der Punkte, sobald mindestens vier der sechs Bausteine Werte haben. Unter 25 Punkten heißt der Zustand extreme Angst, unter 45 Angst, bis 55 neutral, bis 75 Gier, darüber extreme Gier.
Index_t = Mittel der Punkte; Punkte_i,t = 100 × Anteil der Tage in (t − 2 Jahre, t] mit Rohwert ≤ Rohwert_t- i
- Baustein
- t
- Handelstag
Die Put/Call-Quote gehört nicht zum Index, weil es für sie frei keine lange Historie gibt; sie steht auf der Seite für sich. Der Index beginnt 2004, sobald genug Bausteine zwei Jahre Vorlauf haben.
Put/Call-Quote
Die Quote teilt gehandelte Puts durch gehandelte Calls (Volumen) bzw. offene Puts durch offene Calls (Open Interest). Portfolio Lab summiert dafür alle Verfallstermine der Optionen auf die drei großen Index-ETFs auf den S&P 500, den Nasdaq-100 und den Russell 2000 und zeigt die Quote je ETF und für alle drei zusammen, dazu den Durchschnitt der letzten fünf Tage. Da sich frühere Tage nicht abrufen lassen, nimmt die App jeden Werktag nach 16:15 Uhr New Yorker Zeit eine Momentaufnahme auf und speichert sie; der Verlauf beginnt mit der ersten Aufnahme. Eine Aufnahme während der Börsenzeit gilt als vorläufig und wird später ersetzt.
Eine hohe Quote heißt viel Absicherung. Contrarian-Anleger lesen das als Zeichen, dass die Angst schon im Preis steckt. Die Forschung findet Information im Optionsvolumen vor allem bei neu eröffneten Käufen einzelner Aktien (Pan und Poteshman 2006); die aggregierte Quote hier ist ein gröberes Stimmungsmaß.
COT-Positionierung
Die US-Aufsicht für Terminmärkte veröffentlicht jeden Freitag die Commitments of Traders (COT) mit Stichtag Dienstag. Portfolio Lab nutzt nur Futures und zwei Berichte: bei Aktienindizes, Staatsanleihen, Währungen, VIX und Krypto den Bericht nach Händlergruppen der Finanzterminkontrakte (Händler, Asset Manager, Hedgefonds, übrige Meldepflichtige, kleine Händler), bei Rohstoffen den aufgeschlüsselten Bericht (Produzenten, Swap-Händler, Managed Money, übrige, kleine). Als Spekulanten gelten Hedgefonds bzw. Managed Money.
Je Markt zeigt die Seite die Nettoposition der Spekulanten (long minus short) in Kontrakten und in Prozent des Open Interest, die Veränderung zur Vorwoche, den z-Wert der letzten drei Jahre und den COT-Index:
COT-Index = (Netto_heute − Minimum) / (Maximum − Minimum) × 100- Minimum, Maximum
- der Nettoposition in den letzten drei Jahren
Positionen am Terminmarkt hängen mit späteren Renditen zusammen: Die Nettopositionen der Absicherer erklären einen Teil der Risikoprämien von Währungs- und Agrarfutures (Bessembinder 1992), Positionen der Spekulanten gehen mit späteren Überrenditen einher, ohne dass sie besser prognostizieren (Wang 2003). Bei Zinsfutures sind Hedgefonds oft netto short, weil sie Anleihen kaufen und Futures verkaufen (Basis-Trades). Das ist keine Wette auf steigende Zinsen.
Finanzstress und Liquidität
Finanzstressindizes bündeln viele Marktreihen zu einer Zahl; einen Überblick über die nach der Finanzkrise entwickelten Indizes geben Kliesen u. a. (2012). Die Seite zeigt vier: den St. Louis Fed Financial Stress Index (wöchentlich), den NFCI der Chicago Fed (wöchentlich, Finanzierungsbedingungen) und seine um Konjunktur und Inflation bereinigte Fassung ANFCI, dazu den täglichen OFR Financial Stress Index mit seinen Teilbereichen Kredit, Aktienbewertung, sichere Anlagen, Finanzierung und Volatilität (Monin 2019). Bei allen heißt 0 durchschnittlicher Stress, positive Werte mehr als üblich.
Zinsen und Liquidität: die 10-jährige Realrendite inflationsgeschützter US-Staatsanleihen, die Breakeven-Inflation (nominal minus real) und die Netto-Liquidität der Fed: Bilanzsumme minus Konto des Finanzministeriums minus Reverse Repo, in Milliarden US-Dollar zu den wöchentlichen Bilanzstichtagen.
Cross-Asset und Optionsmarkt
Verhältnisse zweier Anlagen zeigen, wohin das Geld fließt: Kupfer zu Gold, Zykliker zu Defensiven, Nebenwerte zu Standardwerten, gleich- zu kapitalgewichtet, Hochzins- zu Staatsanleihen, Schwellen- zu Industrieländern. Der Kurs der Verhältnisse wandert langfristig; Rang und z-Wert gelten deshalb der Veränderung über 63 Handelstage. Die Trendbreite zählt, wie viele von 12 Anlageklassen-ETFs über ihrer 200-Tage-Linie liegen. Aus dem Optionsmarkt kommen der SKEW (Preis der Crash-Absicherung), der VVIX (Volatilität des VIX) und die implizite Korrelation über drei Monate: Wie stark sich große Aktien laut Optionspreisen gemeinsam bewegen werden.
Perzentil, z-Wert und was danach kam
Jede Kachel zeigt den Perzentil-Rang und den z-Wert der Kennzahl im gewählten Zeitraum: 3, 5 oder 10 Jahre oder die gesamte Historie. Unter 20 % gilt ein Wert als niedrig, über 80 % als hoch. Grün steht für Risikofreude, rot für Stress. Je nach Kennzahl bedeutet ein hoher Wert das eine oder das andere.
Die Tabelle Was danach kam ordnet jeden Tag der Historie ein: Die Kennzahl wird am jeweiligen Tag als Perzentil-Rang der letzten drei Jahre ausgedrückt, nur mit Werten bis zu diesem Tag, und in Fünftel eingeteilt. Für jedes Fünftel zeigt die Tabelle Mittel, Median und Anteil positiver Renditen des S&P 500 (bei COT-Daten des jeweiligen Marktes) über 21, 63 und 252 Handelstage. Gezählt wird ab dem ersten Handelstag nach der Veröffentlichung: COT drei Tage nach dem Stichtag, Stressindizes zwei bis sechs Tage, Tagesdaten ab demselben Tag. Der Angst-Gier-Index ist schon in Punkten und wird direkt in Fünftel geteilt.
Die Zeiträume überlappen: Aus 5.000 Handelstagen entstehen nur rund 20 unabhängige Jahreszeiträume. Die Tabelle nennt diese Zahl mit. Dass Stimmung wirkt, ist gut belegt, am stärksten aber bei schwer zu bewertenden Aktien (Baker und Wurgler 2006) und nicht als verlässlicher Zeitpunkt für den Gesamtmarkt.
Daten und Aktualität
Die COT-Berichte kommen direkt von der Aufsicht und werden zwölf Stunden zwischengespeichert, Stressindizes, Zinsen, Indizes und Kurse sechs Stunden. Bei einem Abruffehler zeigt die Seite den letzten Stand und nennt die Reihe unter „ohne Daten“. Alle Reihen lassen sich als CSV laden.
Grenzen
- Eigener Index: Der Angst-Gier-Index ist eine Konstruktion mit festen Fenstern (125, 60, 50 und 20 Tage, zwei Jahre Rang); andere Fenster ergäben andere Werte.
- US-lastig: Fast alle Reihen beziehen sich auf US-Märkte; für europäische Anleger sind sie ein Näherungswert für die globale Stimmung.
- Kurze Put/Call-Historie: Rang und Statistik der Quote werden erst mit den Monaten aussagekräftig.
- Futures-Kurse: „Was danach kam“ nutzt bei Rohstoffen und Zinsen fortlaufende Futures-Kurse mit Sprüngen beim Kontraktwechsel; bei Aktien den Kursindex ohne Dividenden.
- Keine Handelssignale: Die Statistik beschreibt die Vergangenheit, sie sagt keine Kurse voraus.
Häufige Fragen
Ist das der Fear & Greed Index von CNN?
Nein. Der Index ist geschützt. Portfolio Lab rechnet einen eigenen Index nach offener Methode aus sechs Bausteinen; die Idee ist ähnlich, die Werte sind es nicht.
Warum fehlt die Put/Call-Quote im Angst-Gier-Index?
Weil es frei keine lange Historie gibt. Die App sammelt die Quote erst seit dem Start der Seite; ein Baustein mit kurzer Historie würde den Index verzerren.
Was bedeutet ein COT-Index über 80?
Die Spekulanten sind so stark netto long wie selten in den letzten drei Jahren. Contrarian-Anleger sehen darin ein Warnsignal, weil kaum noch Käufer übrig sind; eine Garantie für fallende Kurse ist es nicht.
Warum gilt bei COT der Freitag statt des Dienstags?
Die Berichte haben den Dienstag als Stichtag, erscheinen aber erst am Freitag. Wer am Dienstag rechnet, nutzt Wissen, das es da noch nicht gab. Deshalb beginnen die Renditen danach am Freitag.
Wie lese ich die Tabelle „Was danach kam“?
Jede Zeile ist ein Fünftel der Historie, geordnet nach dem Rang der Kennzahl. Die Spalten zeigen, wie sich der Markt danach im Mittel entwickelt hat. Die Zeile „heute“ markiert das heutige Fünftel.
Literatur
- Baker, Malcolm; Wurgler, Jeffrey (2006): Investor Sentiment and the Cross-Section of Stock Returns. The Journal of Finance 61 (4), S. 1645–1680. doi:10.1111/j.1540-6261.2006.00885.x
- Bessembinder, Hendrik (1992): Systematic Risk, Hedging Pressure, and Risk Premiums in Futures Markets. Review of Financial Studies 5 (4), S. 637–667. doi:10.1093/rfs/5.4.637
- Kliesen, Kevin L.; Owyang, Michael T.; Vermann, E. Katarina (2012): Disentangling Diverse Measures: A Survey of Financial Stress Indexes. Federal Reserve Bank of St. Louis Review 94 (5). doi:10.20955/r.94.369-398
- Monin, Phillip J. (2019): The OFR Financial Stress Index. Risks 7 (1), S. 25. doi:10.3390/risks7010025
- Pan, Jun; Poteshman, Allen M. (2006): The Information in Option Volume for Future Stock Prices. Review of Financial Studies 19 (3), S. 871–908. doi:10.1093/rfs/hhj024
- Wang, Changyun (2003): The behavior and performance of major types of futures traders. Journal of Futures Markets 23 (1), S. 1–31. doi:10.1002/fut.10056
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