VIX: das Angstbarometer der Börse richtig lesen
Der VIX misst, wie stark der Optionsmarkt den S&P 500 in den nächsten 30 Tagen schwanken sieht, ausgedrückt als annualisierte Volatilität in Prozentpunkten. Steigt die Angst, steigen die Preise für Absicherung und damit der VIX. Deshalb heißt er auch Angstbarometer. Wer ihn lesen kann, versteht viel über Stimmung, Absicherungskosten und die Fallen von Volatilitätsprodukten.
Was der VIX misst
Der VIX wird aus den Preisen vieler Optionen auf den S&P 500 berechnet, nicht aus vergangenen Kursen. Nach der Methodik von Cboe (2019) gehen Optionen mit mehr als 23 und weniger als 37 Tagen Restlaufzeit ein, aus zwei Laufzeiten wird auf genau 30 Tage interpoliert. Verwendet werden Puts und Calls über viele Basispreise; daraus entsteht eine modellfreie Schätzung der erwarteten Varianz, ohne dass man ein Optionspreismodell wie das von Black und Scholes (1973) voraussetzen muss.
Hinter der Rechnung steht eine Einsicht, die Carr und Wu (2009) ausarbeiten: Der faire Preis eines Varianz-Swaps (eines Vertrags, der die tatsächlich eintretende Varianz gegen einen festen Satz tauscht) lässt sich gut mit einem Portfolio aus Optionen nachbilden. Der VIX ist die Wurzel dieses Satzes für 30 Tage, multipliziert mit 100. Er ist also ein Preis für Schwankung, keine Prognose im statistischen Sinn.
VIX in eine erwartete Schwankung umrechnen
erwartete Schwankung über n Tage ≈ VIX × √(n / 365) (Handelstage: √(n / 252))Die Zahl ist eine Standardabweichung. Unter einer Normalverteilung lägen rund zwei Drittel der Bewegungen innerhalb dieser Spanne. Tatsächlich haben Aktienrenditen Fat Tails: Große Ausschläge kommen häufiger vor, als die Glockenkurve sagt (siehe Schiefe und Kurtosis).
Typische Werte
Eine Auswertung der täglichen Schlusskurse von Januar 1990 bis Oktober 2026 ergibt:
| Kennzahl | Wert |
|---|---|
| Mittelwert | 19,4 |
| Median | 17,6 |
| 10 % / 90 % der Tage unter | 12,2 / 28,5 |
| Anteil der Tage über 30 | 7,9 % |
| Höchster Schlusskurs | 82,7 (16. März 2020) |
Schlusskurse über 50 gab es nur in der Finanzkrise 2008/09, im März und April 2020 und an einem einzigen Tag im April 2025 (52,33 am 8. April). Am 5. August 2024 sprang der VIX im Handelsverlauf kurzzeitig weit nach oben, schloss aber bei 38,57. Der VIX steigt in Krisen schnell und fällt danach langsam zurück. Dieses Muster beschreiben Volatilitätsmodelle wie ARCH von Engle (1982) und GARCH von Bollerslev (1986) mit gehäuften Schwankungsphasen.
Terminstruktur und Contango
Neben dem VIX gibt es Indizes für 9 Tage, 3 Monate, 6 Monate und 1 Jahr. In ruhigen Phasen steigt die Kurve mit der Laufzeit (Contango): Kurzfristig ist wenig Angst eingepreist, langfristig mehr Unsicherheit. In Krisen dreht sie (Backwardation). Ein gängiges Maß ist das Verhältnis VIX / VIX3M. Ein Wert über 1 zeigt Stress.
Schema ohne Werte. M1, M2 … sind die VIX-Futures nach Fälligkeit. Im Contango läuft der erste Future bis zum Verfall auf den VIX zu; wer ihn hält, verliert dabei (Roll-Rendite im nächsten Abschnitt).
Roll-Rendite: warum VIX-ETPs auf Dauer verlieren
Den VIX selbst kann man nicht kaufen, nur Futures darauf. Im Contango liegt der Future über dem VIX und läuft bis zum Verfall auf ihn zu. Wer long ist, verliert dabei laufend.
Roll-Rendite pro Monat ≈ (VIX − M1) / M1 × 30 / Tage bis VerfallWhaley (2013) untersuchte die börsengehandelten Produkte auf kurzfristige VIX-Futures seit ihrem Start 2009 und kam zu einem klaren Urteil:
„The most popular VIX ETPs are not suitable buy-and-hold investments“Volatilitätsprämie, VVIX und SKEW
- Volatilitätsprämie: VIX minus tatsächlich eingetretene Schwankung (z. B. der letzten 21 Handelstage). Meist positiv: Absicherung kostet im Schnitt mehr, als sie auszahlt. Beispiel: VIX 19, realisiert 10 → Prämie 9 Punkte. Seit 1990 lag die Differenz im Mittel bei rund 4 Punkten und an 88 % der Tage über null.
- VVIX: die Volatilität des VIX selbst, aus VIX-Optionen. Seit 2006 lag sie an der Hälfte der Tage zwischen 83 und 102, an 80 % der Tage zwischen 76 und 115.
- SKEW: Preis für Absicherung gegen starke Kursstürze aus weit aus dem Geld liegenden Optionen. Der Median seit 1990 liegt bei 120, Werte über 141 gab es nur an 10 % der Tage.
- Korrelation: Fällt der S&P 500, steigt der VIX. Die tägliche VIX-Veränderung und die Rendite des S&P 500 korrelierten seit 1990 mit −0,79; über 63-Tage-Fenster lag die Korrelation meist zwischen −0,89 und −0,57.
Dass die Prämie positiv ist, belegen Carr und Wu (2009) für Indizes und Einzelaktien: Implizite Varianz liegt im Mittel über der realisierten. Bollerslev u. a. (2009) zeigen außerdem, dass eine hohe Varianzprämie höhere Aktienrenditen in den folgenden Monaten ankündigte, vor allem über ein Quartal. Whaley (2000) erklärt, warum der VIX als Angstbarometer funktioniert: Er misst die Nachfrage nach Absicherung, die in Abschwüngen sprunghaft steigt.
Für Fortgeschrittene: Varianz, nicht Volatilität
- VIX² ist der Preis der Varianz: Der Index entsteht aus der erwarteten Varianz unter dem risikoneutralen Maß. Weil die Wurzel eine konkave Funktion ist, liegt der faire Preis eines Volatilitäts-Futures unter der Wurzel des Varianz-Swap-Satzes. Der Unterschied wächst mit der Unsicherheit über die Volatilität (gemessen am VVIX).
- Keine reine Erwartung: Weil Anleger für Absicherung bezahlen, enthält der VIX eine Risikoprämie. Er überschätzt die künftige Schwankung im Durchschnitt systematisch.
- Mean Reversion: Volatilität ist beständig, kehrt aber zum langfristigen Niveau zurück. Futures mit längerer Laufzeit liegen deshalb in Krisen unter dem VIX und in ruhigen Zeiten darüber.
- Schiefe der Optionspreise: Puts weit aus dem Geld sind relativ teuer (Volatilitäts-Skew); der SKEW-Index übersetzt diese Steigung in eine Zahl.
So nutzt du den VIX als Anleger
- Erwartete Schwankung einordnen: Rechne den VIX in eine Monatsspanne um und vergleiche sie mit dem, was du in deinem Depot aushalten willst. Ein VIX von 30 heißt: Monatsbewegungen um 9 % sind gerade normal.
- Absicherungskosten verstehen: Ein hoher VIX macht Puts teuer. Wer erst in der Krise absichert, zahlt den höchsten Preis. Streuung über Anlageklassen ist meist günstiger als Optionen.
- Kurve statt Einzelwert: Ein steigender VIX bei weiterhin flacher oder steigender Terminstruktur ist weniger alarmierend als eine invertierte Kurve mit VIX über VIX3M.
- Planung statt Reaktion: Ein fester Rebalancing-Plan nutzt hohe Volatilität automatisch, weil er in Abschwüngen nachkauft, ohne dass du den VIX timen musst (siehe Rebalancing).
Grenzen und typische Fehler
- Kein Timing-Signal für sich: Sehr hohe Werte fielen oft mit guten Einstiegszeitpunkten zusammen, aber erst im Rückblick; niedrige Werte sagen nicht, wann der nächste Schock kommt.
- Nur der US-Markt: Für europäische Aktien gibt es den VSTOXX; er bewegt sich ähnlich, liegt aber oft etwas höher.
- Produkte statt Index: Wer Volatilität handeln will, handelt Futures oder Optionen mit Rollkosten und Kontraktrisiken. Die Entwicklung des VIX selbst ist dafür kein Maßstab.
- Short-Volatilität: Strategien, die Absicherung verkaufen, verdienen lange stetig und verlieren selten, dann aber viel. Die Sharpe Ratio unterschätzt dieses Risiko (siehe Sharpe Ratio).
So rechnet Portfolio Lab
Das Volatilitäts-Dashboard zeigt VIX9D bis VIX1Y, VVIX und SKEW aus den Tagesschlusskursen der Indizes und die Kurve der monatlichen VIX-Futures aus den Abrechnungspreisen (Kontraktdaten der letzten drei Jahre). Die realisierte Volatilität ist die Standardabweichung der täglichen Log-Renditen des S&P 500 über 21 Handelstage × √252, die Prämie VIX minus diese Zahl. Contango ist M2 / M1 − 1; als M1 gilt der erste Kontrakt mit mehr als sechs Tagen bis zum Verfall. Die Roll-Rendite folgt der Formel oben, die Korrelation verwendet 63 Handelstage. Jede Kennzahl erscheint mit ihrem Perzentil-Rang im gewählten Zeitraum (1, 3 oder 5 Jahre oder gesamte Historie). Details in der Methodik des Volatilitäts-Dashboards. Risikoneutrale Wahrscheinlichkeiten für Rückgänge um 10 % und 20 % aus VIX, VIX 3 Monate und VIX 6 Monate zeigt der Reiter Markterwartungen auf Makro (siehe Markterwartungen).
Häufige Fragen
Kann man den VIX als Kaufsignal nutzen?
Sehr hohe Werte fielen historisch oft mit guten Einstiegszeitpunkten zusammen, aber erst im Rückblick. Als Regel taugt er nur zusammen mit einem klaren, getesteten Vorgehen.
Warum fallen VIX-ETPs fast immer?
Wegen der negativen Roll-Rendite im Contango. Sie eignen sich höchstens zur kurzfristigen Absicherung, nicht zum Halten.
Gibt es einen VIX für Europa?
Ja, den VSTOXX auf den Euro Stoxx 50. Er bewegt sich meist ähnlich, liegt aber oft etwas höher.
Was ist ein normaler VIX-Wert?
Seit 1990 lag der Median bei 17,6 und der Mittelwert bei 19,4. Werte unter 15 gelten als ruhig, über 30 als Stress.
Was bedeutet ein VIX von 20 für mein Depot?
Für ein Portfolio, das sich wie der S&P 500 bewegt, sind Monatsschwankungen um knapp 6 % und Tagesbewegungen um gut 1 % normal. Für Mischportfolios entsprechend weniger.
Warum steigt der VIX, wenn Aktien fallen?
Weil Anleger in fallenden Märkten mehr Absicherung kaufen und die tatsächliche Schwankung in Abschwüngen größer ist. Die Korrelation der täglichen Veränderungen ist deshalb stark negativ.
Literatur
- Black, Fischer; Scholes, Myron (1973): The Pricing of Options and Corporate Liabilities. Journal of Political Economy 81 (3), S. 637–654. doi:10.1086/260062
- Bollerslev, Tim (1986): Generalized autoregressive conditional heteroskedasticity. Journal of Econometrics 31 (3), S. 307–327. doi:10.1016/0304-4076(86)90063-1
- Bollerslev, Tim; Tauchen, George; Zhou, Hao (2009): Expected Stock Returns and Variance Risk Premia. Review of Financial Studies 22 (11), S. 4463–4492. doi:10.1093/rfs/hhp008
- Carr, Peter; Wu, Liuren (2009): Variance Risk Premiums. Review of Financial Studies 22 (3), S. 1311–1341. doi:10.1093/rfs/hhn038
- Cboe Global Markets (2019): Cboe Volatility Index (VIX Index): Methodology. Cboe Global Markets, Fassung vom 26.07.2019. Quelle
- Engle, Robert F. (1982): Autoregressive Conditional Heteroscedasticity with Estimates of the Variance of United Kingdom Inflation. Econometrica 50 (4). doi:10.2307/1912773
- Whaley, Robert E. (2000): The Investor Fear Gauge. The Journal of Portfolio Management 26 (3), S. 12–17. doi:10.3905/jpm.2000.319728
- Whaley, Robert E. (2013): Trading Volatility: At What Cost?. The Journal of Portfolio Management 40 (1), S. 95–108. doi:10.3905/jpm.2013.40.1.095
Dieser Artikel erklärt eine Methode; er ist keine Anlage- oder Steuerberatung. Zahlenbeispiele sind vereinfacht und gerundet. Alle Begriffe im Glossar.