Themen-ETFs und Hype: Was Studien, Kosten und Überschneidungen zeigen
Themen-ETFs versprechen, an einem großen Trend teilzuhaben, etwa an künstlicher Intelligenz, Robotik, Cybersicherheit, Wasserstoff oder Rüstung. Sie werden häufig dann aufgelegt, wenn ein Thema in aller Munde ist und die Aktien schon stark gestiegen sind. Eine große Studie zeigt, was danach im Schnitt passiert. Dieser Artikel erklärt, wie Themenindizes gebaut sind, was sie kosten, wie stark sie sich mit einem Welt-ETF überschneiden, warum viele wieder verschwinden und worauf du vor einem Kauf achten solltest, ohne einzelne Produkte zu nennen.
Was Themen-ETFs sind
Ein Themen-ETF bildet einen eng gefassten Index ab, der Unternehmen nach ihrem Bezug zu einem Trend auswählt: nach dem Umsatzanteil im Thema, nach Schlagworten in Geschäftsberichten, nach Patenten oder nach der Einschätzung eines Gremiums. Anders als Sektor-ETFs folgen sie keiner festen Branchenklassifikation, sondern greifen quer über Branchen und Länder. Häufig sind es wenige Dutzend Titel, gleich oder mit Obergrenzen gewichtet, viele mittlere und kleine Unternehmen und ein hoher Anteil von Technologie- und Wachstumswerten.
Ben-David u. a. (2023) beschreiben die Entwicklung des ETF-Marktes so: Die ersten ETFs bildeten breite Indizes ab und boten Streuung zu niedrigen Kosten; spätere Produkte folgen Nischenportfolios und verlangen hohe Gebühren. Themen-ETFs sind der Kern dieser zweiten Welle. Eine Übersicht über Aufbau und Funktionsweise von ETFs allgemein gibt der Artikel ETF-Grundlagen.
Hype und Timing: Auflegung nach dem Kursanstieg
Die wichtigste Studie zum Thema stammt von Ben-David u. a. (2023). Spezialisierte ETFs verloren in ihren ersten fünf Jahren risikobereinigt rund 30 %. Hohe Gebühren oder eine Nachfrage zur Absicherung erklären das nicht; entscheidend ist, dass die enthaltenen Aktien bei der Auflegung überbewertet waren. Die Anbieter bedienen nach dieser Deutung die Erwartungen von Anlegern, die vergangene Kursgewinne in die Zukunft fortschreiben, mit ETFs zu Themen, die Aufmerksamkeit erregen.
Schema ohne Werte. Laut Ben-David u. a. (2023) verloren spezialisierte ETFs in den ersten fünf Jahren risikobereinigt rund 30 %, weil ihre Aktien zum Start überbewertet waren. Vor dem Auflagedatum zeigt die Kurve einen Backtest des Indexanbieters.
Das passt zu dem, was über Aufmerksamkeit bekannt ist. Privatanleger kaufen vor allem Aktien, die gerade auffallen: durch Nachrichten, ungewöhnlich hohe Umsätze oder extreme Tagesrenditen (Barber und Odean 2008). Steigt die Zahl der Suchanfragen nach einer Aktie, steigt ihr Kurs kurzfristig, und später kehrt sich die Bewegung um (Da u. a. 2011). Und starke Kursanstiege ganzer Branchen erhöhen deutlich die Wahrscheinlichkeit eines späteren Crashs, auch wenn sie im Mittel keine schlechten Renditen vorhersagen (Greenwood, Shleifer und You 2019). Wer ein Thema erst kauft, wenn alle darüber reden, kauft also meist zu Preisen, in denen die Zukunft schon steckt (siehe Spekulationsblasen).
Dass ein Trend die Welt verändert, heißt nicht, dass seine Aktien gute Anlagen sind: Über ihre ganze Lebensdauer gerechnet erklären wenige Aktien den Großteil der Wertschöpfung am Aktienmarkt (Bessembinder 2018), und welche das sein werden, steht am Anfang eines Trends nicht fest.
Kosten und Konzentration
- Laufende Kosten: Themen-ETFs sind meist deutlich teurer als breite Indexfonds (Ben-David u. a. 2023); dazu kommen Kosten für die Indexanpassungen, die nicht in der TER stehen, sondern in der Tracking Difference.
- Wenige Titel: Mit 30 oder 50 Aktien ist ein Themenindex ein Konzentrat. Ein Rückschlag bei einem großen Titel oder eine Regeländerung im Thema trifft gleich einen großen Teil des Fonds.
- Faktorwette: Viele Themen bestehen aus jungen Wachstumswerten mit hohen Bewertungen und hoher Zinsempfindlichkeit. Steigen die Zinsen, können solche Aktien gemeinsam fallen. Das Thema ist dann zweitrangig.
- Kleine Fonds, breite Spreads: Junge Themen-ETFs haben oft ein kleines Fondsvolumen. Die Geld-Brief-Spanne ist breiter, und das Risiko einer Schließung steigt.
Überschneidung mit dem Welt-ETF: Rechenbeispiel
Viele Anleger kaufen einen Themen-ETF zusätzlich zu einem Welt-ETF. Wie viel bringt er wirklich Neues ins Depot? Ein Maß ist die Überschneidung: die Summe der jeweils kleineren Gewichte aller gemeinsamen Titel (Look-through). Beispielzahlen: Ein ausgedachter Themen-ETF zu Halbleitern und KI hält 25 Titel zu je 4 %. Sechs davon gehören zu den zehn größten des MSCI World, 14 sind dort mit zusammen 2,5 % vertreten, fünf gar nicht. Gewichte im MSCI World laut Factsheet vom 30.9.2026 (MSCI World Factsheet 2026).
Die gewichtete TER des Depots steigt nur um 0,04 Prozentpunkte, weil der Themen-ETF klein ist. Auf den Teil, der wirklich vom Weltmarkt abweicht, zahlst du aber 0,49 % pro Jahr zusätzlich. So lassen sich Beimischungen fair vergleichen: Ein teurer Fonds mit viel Überschneidung kann für jeden Euro Abweichung mehr kosten als ein noch teurerer Fonds, der ganz anders anlegt. Welche Einzeltitel sich in deinem Depot über alle Fonds addieren, zeigt das Look-through; wie du Beimischungen mit Regeln und Risikobudget steuerst, beschreibt der Artikel Core-Satellite.
Schließungen, Delisting und Survivorship Bias
Viele Themen-ETFs verschwinden wieder. Bleiben die Zuflüsse aus, lohnt sich ein Fonds für den Anbieter nicht mehr, und er wird geschlossen oder mit einem anderen verschmolzen (Fondsschließung). Für dich hat das Folgen: Bei einer Auflösung erhältst du den Erlös und musst neu anlegen. Steuerfreie Kapitalrückzahlung ist eine Auszahlung während der Abwicklung nur, soweit der Rücknahmepreis unter deinen Anschaffungskosten liegt (InvStG § 17 2016). Aufgelaufene Gewinne werden steuerpflichtig, unabhängig davon, ob du verkaufen wolltest.
Wer sich Ranglisten der besten Themen-ETFs ansieht, sieht nur die Überlebenden. Geschlossene Fonds fehlen in den Statistiken, und ausgerechnet die erfolglosen Themen verschwinden zuerst. Das ist der Survivorship Bias, der Renditen in Fondsstatistiken systematisch zu gut aussehen lässt (Brown u. a. 1992). Dasselbe gilt für Backtests von Themenindizes, die erst nach dem Erfolg eines Themas berechnet wurden: Ein Index, der rückwirkend die Gewinner eines Trends auswählt, hat natürlich eine glänzende Vergangenheit (siehe Backtest-Overfitting).
Für Fortgeschrittene: Active Share, Tracking Error und Kosten je Abweichung
Überschneidung(A, B) = Σᵢ min(aᵢ, bᵢ), ½ × Σᵢ |aᵢ − bᵢ| = 1 − Überschneidung(A, B)
Depot (1 − s) × B + s × A gegen B: Active Share = s × (1 − Überschneidung), TE_Depot = s × TE(A gegen B)- aᵢ, bᵢ
- Gewichte von Titel i im Themen-ETF und im Welt-ETF, jeweils mit Summe 1
- s
- Anteil des Themen-ETFs im Depot
- TE(A gegen B)
- Tracking Error des Themen-ETFs gegenüber dem Welt-ETF
Weil beide Gewichtsvektoren sich zu 1 summieren, ist die halbe Summe der Abweichungen genau eins minus die Überschneidung. Der Active Share eines Depots mit kleiner Beimischung ist deshalb einfach der Anteil der Beimischung mal ihr „neuer“ Teil. Für das Risiko zählt der Tracking Error: Schwankt der Themen-ETF mit 15 % Tracking Error gegenüber dem Welt-ETF, bringt eine Beimischung von 10 % dem Depot 1,5 % Tracking Error. Die Mehrkosten geteilt durch den Active Share ergeben die Kosten je Euro Abweichung. Mit dieser Kennzahl kannst du einen Themen-ETF auch mit einem aktiven ETF oder einem Faktor-ETF vergleichen.
Unsere Einschätzung: Viele Themen-ETFs dürften sich in einer Regression gegen Faktoren wie ein Bündel aus Wachstums-, Technologie- und Nebenwerterisiko verhalten, oft mit einem Beta über 1. Ob ein Fonds mehr liefert als diese bekannten Faktoren, zeigt die Stilanalyse oder eine Faktorregression. Prüfe, wie viel eigenständige Rendite übrig bleibt.
Was die Forschung zeigt
Ben-David u. a. (2023) liefern den bisher umfassendsten Befund: Spezialisierte ETFs erzielten in den ersten fünf Jahren risikobereinigt etwa 30 % weniger, weil ihre Aktien zum Start überbewertet waren. Die Anbieter legen auf, was gerade gefragt ist. Die Erklärung über Aufmerksamkeit stützen Barber und Odean (2008), die zeigen, dass Privatanleger vor allem auffällige Aktien kaufen, und Da u. a. (2011), bei denen mehr Aufmerksamkeit kurzfristig höhere und später niedrigere Kurse bringt. Für ganze Branchen nach starken Anstiegen finden Greenwood, Shleifer und You (2019) ein deutlich erhöhtes Crashrisiko. Allgemein zur Struktur von ETFs und ihrer Wirkung auf die Märkte bietet Ben-David u. a. (2017) eine Übersicht. Wichtig für die Einordnung: Das sind Durchschnitte über viele Fonds. Einzelne Themen haben sich glänzend entwickelt, nur weiß man vorher nicht, welche.
Checkliste vor dem Kauf
- Warum jetzt? Wie stark sind die Aktien des Themas in den letzten ein bis zwei Jahren gestiegen? Ein Kauf nach dem Hype ist die typische Situation, die Studien als teuer zeigen.
- Was steckt drin? Positionsliste, Zahl der Titel, Gewicht der zehn größten, Länder und Sektoren ansehen. Passt die Auswahl wirklich zum Namen?
- Wie viel ist neu? Überschneidung mit dem eigenen Welt-ETF berechnen oder im Look-through prüfen.
- Was kostet die Abweichung? TER und Tracking Difference mit dem Kern vergleichen, Mehrkosten durch den neuen Anteil teilen.
- Wie groß und wie alt ist der Fonds? Bei kleinen, jungen Fonds ist eine Schließung eher zu erwarten; das Auflagedatum zeigt außerdem, wie viel der gezeigten Historie nur ein rückgerechneter Index ist.
- Wie viel darf es sein? Einen festen Höchstanteil festlegen, etwa 5 bis 10 % des Depots, und eine Regel, wann du verkaufst. Keine Anlageberatung.
Grenzen und typische Fehler
- Thema mit Rendite verwechseln: Ein Trend kann real sein und die Aktien trotzdem schon zu teuer.
- Rückgerechnete Indizes für echte Historie halten: Vor dem Auflagedatum ist die Kurve ein Backtest des Indexanbieters, oft mit dem Wissen von heute gebaut.
- Viele Themen sammeln: Fünf Themen-ETFs mit je 30 Titeln überschneiden sich oft stark untereinander und mit dem Weltindex. Das bringt mehr Fonds, nicht mehr Streuung.
- Klein anfangen, groß werden lassen: Nach einem guten Lauf wächst der Anteil von selbst. Ohne Obergrenze wird aus einer Beimischung ein Klumpenrisiko.
- Schließung nicht einplanen: Bei kleinen Fonds kann die Auflösung kommen, wenn der Kurs gerade tief steht. Dann folgen Steuer auf frühere Gewinne und neuer Anlagebedarf.
So rechnet Portfolio Lab
Im Look-through führt Portfolio Lab die Positionen aller Fonds zusammen: Gleiche Titel aus verschiedenen ETFs ergeben eine Zeile, die Spalte „Positionen“ zeigt, in wie vielen Fonds des Portfolios ein Titel steckt, dazu Top 10, effektive Anzahl, Länder und Sektoren für bis zu drei Portfolios. So siehst du, wie viel ein Themen-ETF wirklich ändert. Bei Fonds ohne vollständige Positionsliste fließen nur die größten Positionen ein. Unter Wertpapiere findest du TER, Fondsvolumen und Auflagedatum. Im Backtest misst du mit dem Welt-ETF als Benchmark Tracking Error, Information Ratio und Beta eines Depots mit Beimischung; die Stilanalyse zeigt, welchen Indizes oder Faktoren ein Fonds tatsächlich folgt. Eine eigene Kennzahl für die Überschneidung zweier Fonds rechnet die App nicht aus; die Zeilen mit mehreren Positionen im Look-through zeigen die gemeinsamen Titel. Mehr in der Methodik des Look-through.
Häufige Fragen
Sind Themen-ETFs sinnvoll?
Als kleine, bewusste Beimischung können sie zu einem Depot passen. Im Durchschnitt schnitten spezialisierte ETFs nach ihrer Auflegung aber schwach ab: Laut einer großen Studie verloren sie in den ersten fünf Jahren risikobereinigt rund 30 %.
Warum schneiden Themen-ETFs oft schlecht ab?
Weil sie meist aufgelegt werden, wenn die Aktien eines Themas schon stark gestiegen und teuer sind. Dazu kommen höhere Kosten, Konzentration und das Risiko einer Schließung.
Wie berechne ich die Überschneidung zweier ETFs?
Für jeden gemeinsamen Titel das kleinere der beiden Gewichte nehmen und alles addieren. Was übrig bleibt (100 % minus Überschneidung), ist der Teil, den der zweite Fonds wirklich neu ins Depot bringt.
Wie viel Prozent Themen-ETFs im Depot?
Dafür gibt es keine feste Regel. Viele Anleger begrenzen Beimischungen auf einen kleinen Teil, etwa 5 bis 10 %, und legen vorher fest, wann sie zurückschneiden oder verkaufen. Keine Anlageberatung.
Was passiert, wenn ein Themen-ETF geschlossen wird?
Der Fonds wird abgewickelt oder mit einem anderen verschmolzen. Bei einer Abwicklung erhältst du den Erlös; Gewinne werden dabei steuerpflichtig, und du musst das Geld neu anlegen.
Literatur
- Barber, Brad M.; Odean, Terrance (2008): All That Glitters: The Effect of Attention and News on the Buying Behavior of Individual and Institutional Investors. The Review of Financial Studies 21 (2), S. 785–818. doi:10.1093/rfs/hhm079
- Ben-David, Itzhak; Franzoni, Francesco; Moussawi, Rabih (2017): Exchange-Traded Funds. Annual Review of Financial Economics 9 (1), S. 169–189. doi:10.1146/annurev-financial-110716-032538
- Ben-David, Itzhak; Franzoni, Francesco; Kim, Byungwook; Moussawi, Rabih (2023): Competition for Attention in the ETF Space. The Review of Financial Studies 36 (3), S. 987–1042. doi:10.1093/rfs/hhac048
- Bessembinder, Hendrik (2018): Do stocks outperform Treasury bills?. Journal of Financial Economics 129 (3), S. 440–457. doi:10.1016/j.jfineco.2018.06.004
- Brown, Stephen J.; Goetzmann, William; Ibbotson, Roger G.; Ross, Stephen A. (1992): Survivorship Bias in Performance Studies. Review of Financial Studies 5 (4), S. 553–580. doi:10.1093/rfs/5.4.553
- Da, Zhi; Engelberg, Joseph; Gao, Pengjie (2011): In Search of Attention. The Journal of Finance 66 (5), S. 1461–1499. doi:10.1111/j.1540-6261.2011.01679.x
- Deutscher Bundestag (2016): Investmentsteuergesetz (InvStG), § 17 (Erträge bei Abwicklung eines Investmentfonds). Fassung auf gesetze-im-internet.de; abgerufen am 26.10.2026. Quelle
- Greenwood, Robin; Shleifer, Andrei; You, Yang (2019): Bubbles for Fama. Journal of Financial Economics 131 (1), S. 20–43. doi:10.1016/j.jfineco.2018.09.002
- MSCI Inc. (2026): MSCI World Index (GBP), Factsheet, Stand 30. September 2026. MSCI. Quelle
Dieser Artikel erklärt eine Methode; er ist keine Anlage- oder Steuerberatung. Zahlenbeispiele sind vereinfacht und gerundet. Alle Begriffe im Glossar.