Thesaurierend oder ausschüttend: Welcher ETF passt besser?
Thesaurierend oder ausschüttend? Das ist eine der ersten Fragen beim ETF-Kauf. Ein thesaurierender ETF legt Dividenden und Zinsen automatisch wieder an, ein ausschüttender zahlt sie auf dein Konto aus. Vor Steuern ist die Rendite gleich: Der Kurs eines ausschüttenden Fonds sinkt am Ausschüttungstag um genau den ausgezahlten Betrag. Unterschiede entstehen bei Steuern, Bequemlichkeit und im Kopf. Dieser Artikel rechnet beides mit dem Basiszins 2026 durch.
Der Unterschied in Kürze
Vor Steuern ist das Ergebnis gleich: Beim Ausschütter fällt der Kurs am Ex-Tag um die Ausschüttung.
| Merkmal | thesaurierend | ausschüttend |
|---|---|---|
| Erträge | werden im Fonds wiederangelegt | werden ausgezahlt (meist quartalsweise oder jährlich) |
| Wiederanlage | automatisch, ohne Kosten | selbst, mit Ordergebühr |
| Steuer vorab | Vorabpauschale | auf Ausschüttungen, ggf. zusätzlich Vorabpauschale |
| Kurs | steigt um die Erträge | fällt am Ex-Tag um die Ausschüttung |
| Gesamtrendite vor Steuern | gleich | gleich |
Die Gesamtrendite (Total Return) misst Kursentwicklung plus wiederangelegte Ausschüttungen. Sie ist für beide Varianten desselben Index praktisch identisch, abgesehen von kleinen Unterschieden in Kosten und Steuern im Fonds. Wer Fonds vergleicht, sollte deshalb immer Gesamtrenditen vergleichen, nicht den Kurs eines Ausschütters mit dem eines Thesaurierers.
Warum die Ausschüttung kein Geschenk ist
Eine Ausschüttung fühlt sich wie Einkommen an, ist aber eine Umbuchung: Geld wandert aus dem Fonds auf dein Konto. Dein Vermögen ist danach genauso groß wie vorher, nur aufgeteilt in Fondsanteile und Bargeld. Miller und Modigliani (1961) haben das für Unternehmen gezeigt: In einem vollkommenen Markt ist es für den Wert eines Unternehmens egal, ob es Gewinne ausschüttet oder einbehält. Für Fonds gilt dieselbe Logik.
Viele Anleger sehen das anders. Shefrin und Statman (1984) erklären die Vorliebe für Bardividenden mit Selbstkontrolle und mentaler Buchführung: Wer sich vornimmt, „nur von den Erträgen zu leben“, schützt sein Kapital vor spontanen Ausgaben. Hartzmark und Solomon (2019) finden, dass viele Anleger Dividenden und Kursgewinne als getrennte Dinge behandeln, übersehen, dass eine Ausschüttung den Kurs senkt, und Dividenden selten wieder anlegen. Sie behandeln sie wie einen eigenen, stabilen Einkommensstrom.
Steuern in Deutschland: Vorabpauschale und Ausschüttung
Seit der Reform des Investmentsteuerrechts 2018 werden Fonds einheitlich besteuert (InvStG 2016). Ausschüttungen sind im Jahr des Zuflusses steuerpflichtig. Damit Thesaurierer die Steuer nicht bis zum Verkauf aufschieben können, gibt es die Vorabpauschale: eine fiktive Mindestausschüttung, berechnet aus dem Wert zu Jahresbeginn, dem Basiszins und dem Faktor 0,7. Ausschüttungen werden darauf angerechnet. Für 2026 beträgt der Basiszins laut BMF (2026) 3,20 %. Bei Aktienfonds sind 30 % der Erträge steuerfrei (Teilfreistellung), der Rest unterliegt der Abgeltungsteuer von 25 % plus Solidaritätszuschlag (EStG 2009).
Basisertrag = Wert zu Jahresbeginn × Basiszins × 0,7
Vorabpauschale = max(0, Basisertrag − Ausschüttungen), höchstens der Wertzuwachs des Jahres- Basiszins 2026
- 3,20 %
- Teilfreistellung Aktienfonds
- 30 % der Erträge steuerfrei
- Steuersatz
- 25 % + 5,5 % Soli = 26,375 % (ohne Kirchensteuer)
Wichtig: Die versteuerten Vorabpauschalen sind keine doppelte Steuer. Beim Verkauf werden sie vom Gewinn abgezogen. Und in Jahren mit fallenden Kursen gibt es keine Vorabpauschale, weil sie auf den Wertzuwachs begrenzt ist. Wie sie genau berechnet wird, erklärt der Artikel Vorabpauschale; Steuersätze, Freibetrag und Verlusttöpfe stehen unter Abgeltungsteuer und Teilfreistellung.
Der Steuerstundungseffekt
Bei hohen Basiszinsen wie 2026 ist der Unterschied klein. Bei niedrigen Basiszinsen (zwischen 2020 und 2022 war er nahe null oder negativ, und es fiel keine Vorabpauschale an) oder bei Fonds mit hohen Ausschüttungen kann der Thesaurierer einen größeren Teil der Steuer bis zum Verkauf aufschieben. Das aufgeschobene Geld arbeitet weiter und erzeugt selbst Erträge. Das ist ein kleiner, aber stetiger Zinseszins-Vorteil.
Den Sparer-Pauschbetrag von 1.000 € (2.000 € für zusammen Veranlagte) nutzen beide Varianten gleich: Er gilt für Ausschüttungen, Vorabpauschalen und Veräußerungsgewinne zusammen. Wer ihn nicht ausschöpft, zahlt mit beiden Varianten keine Steuer. Ein Freistellungsauftrag bei der Bank sorgt dafür, dass er automatisch angerechnet wird.
In der Entnahmephase: Verkaufen statt ausschütten lassen
Im Ruhestand willst du regelmäßig Geld aus dem Depot. Bei einem Ausschütter ist jede Ausschüttung voll steuerpflichtig (nach Teilfreistellung). Beim Verkauf von Anteilen eines Thesaurierers ist dagegen nur der Gewinnanteil steuerpflichtig. Der Rest ist dein eigenes, bereits versteuertes Kapital, das zurückfließt.
Das ist ein Grund, warum viele Anleger auch im Ruhestand bei Thesaurierern bleiben und Anteile nach Bedarf verkaufen, etwa einmal im Jahr. Ausschütter sind dafür bequemer: Das Geld kommt ohne eigenes Zutun. Beide Wege funktionieren; wichtig ist eine Entnahmerate, die zum Vermögen passt (siehe Entnahmerate).
Was passt wann?
- Ansparphase: Thesaurierende ETFs sind bequem (keine Wiederanlage nötig, keine Ordergebühren, Steuerstundung bei hohen Ausschüttungen).
- Entnahmephase: Beide funktionieren. Wer regelmäßig Geld braucht, kann Ausschüttungen nutzen oder Anteile eines Thesaurierers verkaufen. Ein Verkauf löst nur Steuer auf den Gewinnanteil aus, nicht auf den ganzen Betrag.
- Freibetrag nutzen: Wer den Sparer-Pauschbetrag sonst nicht ausschöpft, kann mit Ausschüttern regelmäßig steuerfreie Erträge vereinnahmen; mit Thesaurierern lässt sich der Freibetrag durch Verkauf und Wiederkauf ebenfalls nutzen.
- Psychologie: Wer sich mit Ausschüttungen wohler fühlt und dadurch investiert bleibt, hat einen echten Vorteil, auch wenn er rechnerisch keiner ist.
Steuerregeln ändern sich. Die Beispiele zeigen das Recht für Privatanleger in Deutschland mit Stand 2026; sie ersetzen keine Steuerberatung.
Ausschüttungstermine und Kursabschlag
Ausschüttende ETFs zahlen meist vierteljährlich, halbjährlich oder jährlich aus. Am sogenannten Ex-Tag wird der Anspruch auf die Ausschüttung vom Anteil abgetrennt; der Kurs sinkt entsprechend. Wer kurz vor dem Ex-Tag kauft, um die Ausschüttung „mitzunehmen“, gewinnt nichts: Er erhält das Geld, der Anteil ist aber um denselben Betrag weniger wert. Dazu ist die Ausschüttung steuerpflichtig. Ein Kauf direkt nach dem Ex-Tag ist aus diesem Grund steuerlich oft etwas günstiger.
Häufige Missverständnisse
- „Ausschüttende ETFs bringen zusätzlich Dividende.“ Nein, die Dividende ist Teil der Gesamtrendite und senkt den Kurs.
- „Thesaurierer sind steuerfrei, bis man verkauft.“ Nicht mehr seit 2018: Die Vorabpauschale besteuert einen Teil vorab.
- „Hohe Ausschüttungsrendite heißt hohe Rendite.“ Eine hohe Ausschüttung sagt nichts über die Gesamtrendite; Fonds mit hohen Dividenden können sich schwächer entwickeln.
So rechnet Portfolio Lab
Portfolio Lab rechnet mit Gesamtrenditen: Ausschüttungen sind in den Kursreihen wiederangelegt, ausschüttende und thesaurierende Varianten desselben Index entwickeln sich daher im Backtest nahezu gleich. Mit der Steueroption behandelt die App alle Fonds wie Thesaurierer: Vorabpauschale mit dem amtlichen Basiszins je Jahr, Teilfreistellung je Fondsart, Sparer-Pauschbetrag, Verlusttöpfe und FIFO beim Verkauf. Diese Vereinfachung und alle Annahmen beschreibt die Methodik der Steuern.
Häufige Fragen
Wann wird die Vorabpauschale abgebucht?
Am ersten Werktag des Folgejahres, also für 2026 Anfang Januar 2027. Die Bank zieht die Steuer vom Verrechnungskonto ein, sofern der Freibetrag ausgeschöpft ist.
Sind ausschüttende ETFs gut für das passive Einkommen?
Sie liefern regelmäßige Zahlungen, aber kein zusätzliches Einkommen: Die Ausschüttung ist Teil der Gesamtrendite. Dasselbe Einkommen lässt sich durch Verkäufe aus einem Thesaurierer erzeugen.
Ist thesaurierend oder ausschüttend besser?
Vor Steuern ist die Rendite gleich. In der Ansparphase sind Thesaurierer meist bequemer und schieben bei hohen Ausschüttungen etwas Steuer auf; Ausschütter passen, wenn regelmäßige Auszahlungen gewünscht sind.
Muss ich für thesaurierende ETFs Steuern zahlen?
Ja, über die Vorabpauschale. Sie fällt jedes Jahr Anfang Januar für das Vorjahr an, sofern der Freibetrag ausgeschöpft ist und der Fonds im Vorjahr gestiegen ist.
Wie hoch ist die Vorabpauschale 2026?
Der Basiszins für 2026 beträgt 3,20 %. Der Basisertrag ist Wert zu Jahresbeginn × 3,20 % × 0,7, angerechnet werden Ausschüttungen; fällig wird die Steuer Anfang 2027.
Werden Ausschüttungen doppelt besteuert?
Nein. Ausschüttungen werden im Zuflussjahr besteuert; Vorabpauschalen werden beim Verkauf vom Gewinn abgezogen.
Kann ich von einem Ausschütter zu einem Thesaurierer wechseln?
Ja, aber der Verkauf löst Steuer auf aufgelaufene Gewinne aus. Oft ist es sinnvoller, nur neue Sparraten in die andere Variante zu lenken.
Literatur
- Bundesministerium der Finanzen (2026): Basiszins zur Berechnung der Vorabpauschale gemäß § 18 Absatz 4 InvStG; Basiszins zum 2. Januar 2026 (Schreiben vom 13. Januar 2026, IV C 1 - S 1980/00230/012/001). Bundesministerium der Finanzen. Quelle
- Deutscher Bundestag (2009): Einkommensteuergesetz (EStG), § 20 (Kapitalvermögen) und § 32d (Abgeltungsteuer). Bundesgesetzblatt; Fassung auf gesetze-im-internet.de. Quelle
- Deutscher Bundestag (2016): Investmentsteuergesetz (InvStG), §§ 16, 18, 19 und 20 (Investmenterträge, Vorabpauschale, Veräußerung, Teilfreistellung). Bundesgesetzblatt; Fassung auf gesetze-im-internet.de. Quelle
- Hartzmark, Samuel M.; Solomon, David H. (2019): The Dividend Disconnect. The Journal of Finance 74 (5), S. 2153–2199. doi:10.1111/jofi.12785
- Miller, Merton H.; Modigliani, Franco (1961): Dividend Policy, Growth, and the Valuation of Shares. The Journal of Business 34 (4). doi:10.1086/294442
- Shefrin, Hersh M.; Statman, Meir (1984): Explaining Investor Preference for Cash Dividends. Journal of Financial Economics 13 (2), S. 253–282. doi:10.1016/0304-405X(84)90025-4
Dieser Artikel erklärt eine Methode; er ist keine Anlage- oder Steuerberatung. Zahlenbeispiele sind vereinfacht und gerundet. Alle Begriffe im Glossar.