Cost-Average-Effekt: Was der Durchschnittskosteneffekt wirklich bringt
Der Cost-Average-Effekt (Durchschnittskosteneffekt) beschreibt, dass ein Sparplan mit festem Betrag bei niedrigen Kursen mehr und bei hohen Kursen weniger Anteile kauft. Der durchschnittliche Kaufkurs liegt dadurch unter dem Durchschnitt der Kurse. Das stimmt immer und ist trotzdem kein Grund für höhere Renditen. Warum, zeigt dieser Artikel mit Zahlen und Studien.
So funktioniert der Cost-Average-Effekt
Bei einem Sparplan legst du jeden Monat denselben Betrag an, etwa 100 €. Ist der Kurs niedrig, bekommst du für 100 € mehr Anteile, ist er hoch, weniger. Der Durchschnittspreis je Anteil ist deshalb das harmonische Mittel der Kurse, und das liegt mathematisch immer unter oder auf dem einfachen Durchschnitt (dem arithmetischen Mittel).
Durchschnittlicher Kaufkurs = Summe der Einzahlungen / Summe der gekauften Anteile- Anteile je Monat
- Sparrate / Kurs des Monats
- harmonisches Mittel
- n / (1/Kurs₁ + 1/Kurs₂ + … + 1/Kursₙ), immer ≤ arithmetisches Mittel
Zahlen aus dem Beispiel oben; eine Münze steht für einen Anteil.
Zum Vergleich: Wer jeden Monat eine feste Stückzahl kauft (etwa 10 Anteile), zahlt im Schnitt genau den Kursdurchschnitt von 10,125 €. Gegenüber diesem Vorgehen ist der feste Betrag tatsächlich im Vorteil. Das ist der wahre Kern des Cost-Average-Effekts.
Für Fortgeschrittene: harmonisches und arithmetisches Mittel
Dass der Durchschnittskaufkurs nie über dem Kursdurchschnitt liegt, folgt aus der Ungleichung zwischen harmonischem und arithmetischem Mittel. Gleich sind beide nur, wenn der Kurs sich nicht bewegt. Je stärker die Kurse schwanken, desto größer der Abstand: Bei Kursen von 10 € und 9 € liegt der Sparplan bei 9,474 € gegenüber 9,50 €, bei 10 € und 5 € bei 6,667 € gegenüber 7,50 €. Der Effekt ist also ein reines Schwankungsphänomen. Er sagt nichts darüber, ob sich die Anlage lohnt.
Warum der Effekt keine Zusatzrendite bringt
Der Haken liegt im Vergleich. Die eigentliche Alternative zum Sparplan ist nicht der Kauf fester Stückzahlen, sondern die Einmalanlage: das ganze Geld gleich am Anfang investieren. Ob der Sparplan dann besser abschneidet, hängt nur davon ab, wie sich der Kurs entwickelt, nicht vom Durchschnittskosteneffekt.
Weil Aktienmärkte langfristig häufiger steigen als fallen (sonst gäbe es keine Aktienrisikoprämie), liegt das noch nicht investierte Geld beim Sparplan im Mittel in der schlechter verzinsten Anlage. Der Sparplan verschiebt Risiko in die Zukunft, er beseitigt es nicht. Das ist der Grund, warum Fachleute vom Mythos Cost-Average-Effekt sprechen.
Im Mittel: ein Jahr gestaffelt gegen sofort
Mit einer angenommenen Rendite von 6 % pro Jahr lässt sich der erwartete Unterschied direkt ausrechnen. 12.000 € sofort angelegt sind nach einem Jahr im Mittel 12.720,00 € wert. Wer stattdessen zu jedem Monatsanfang 1.000 € investiert, hat im Durchschnitt nur gut die Hälfte des Geldes im Markt und kommt auf 12.386,53 €. Das sind erwartete 333,47 € weniger. Das ist der Preis für das geringere Risiko, kurz vor einem Absturz alles investiert zu haben.
Der umgekehrte Effekt bei Entnahmen
Im Ruhestand dreht sich die Rechnung um. Wer jeden Monat einen festen Betrag entnimmt, verkauft bei niedrigen Kursen mehr Anteile und bei hohen weniger. Mit denselben Kursen wie oben (10 · 8 · 12,5 · 10) werden für 4 × 100 € insgesamt 40,5 Anteile verkauft. Der durchschnittliche Verkaufskurs liegt bei 9,877 € und damit unter dem Kursdurchschnitt von 10,125 €. Schwankung wirkt hier also gegen den Anleger. Deshalb sind gerade die ersten Jahre einer Entnahmephase heikel, wie die Artikel zu Sequenzrisiko und Entnahmerate zeigen.
Was die Forschung zeigt
Constantinides (1979) hat formal gezeigt, dass gleichmäßiges Investieren einer optimalen Strategie unterlegen ist: Ein Anleger, der auf neue Kurse reagieren darf, kann jede Sparplanregel nachbilden und verbessern. Gleichmäßige Raten verzichten also auf Information, statt sie zu nutzen.
Rozeff (1994) verglich Einmalanlage und gestaffelte Anlage über zwölf Monate. Hält man das Risiko beider Wege gleich, bringt die Einmalanlage je nach Unternehmensgröße 1 bis 4 Prozentpunkte mehr Rendite; mit dem S&P 500 lag sie in 40 von 65 Jahren vorn. Seine Empfehlung für risikoscheue Anleger: lieber einen kleineren Teil auf einmal in Aktien investieren und den Rest sicher anlegen, statt den ganzen Betrag zu staffeln.
Warum der Sparplan trotzdem so beliebt ist, erklärt die Verhaltensökonomie. Statman (1995) beschreibt einen verhaltensökonomischen Rahmen: Gestaffeltes Investieren mindert die Reue nach einem Kauf direkt vor einem Kurssturz und hilft bei der Selbstkontrolle. Die Grundlage liefert die Prospect Theory von Kahneman und Tversky (1979): Verluste schmerzen stärker, als gleich große Gewinne erfreuen. Und Benartzi und Thaler (1995) zeigen, dass häufiges Nachsehen Aktien subjektiv riskanter erscheinen lässt. Ein Sparplan, der automatisch läuft, nimmt diesen Druck heraus.
Wann ein Sparplan trotzdem richtig ist
Für die meisten Anleger stellt sich die Frage gar nicht: Sie haben keinen großen Betrag, sondern sparen jeden Monat einen Teil ihres Einkommens. Dann ist der Sparplan einfach die natürliche Art zu investieren, und zwar sofort, sobald das Geld da ist. Der Vorteil liegt in der Regelmäßigkeit, nicht im Durchschnittskurs.
- Laufendes Einkommen: Monatlich investieren, was übrig bleibt. Das ist keine Staffelung, sondern frühestmögliches Anlegen.
- Disziplin: Ein Dauerauftrag verhindert, dass man auf den „richtigen Moment“ wartet. Warum Timing selten aufgeht, zeigt Market Timing.
- Großer Betrag und Nervosität: Wer eine Erbschaft anlegt und einen Absturz direkt nach dem Kauf nicht aushalten würde, kann staffeln. Er sollte wissen, dass er dafür im Mittel Rendite opfert, und einen festen Plan mit Ende setzen (etwa 6 bis 12 Monate).
- Kosten beachten: Sparpläne sind bei vielen Brokern günstig; bei festen Ordergebühren je Kauf können kleine Raten teuer werden.
Die Alternative zur Staffelung
Wer einen großen Betrag hat und sich vor dem Einstieg fürchtet, hat eine zweite Möglichkeit, die in der Forschung besser abschneidet: das Risiko über die Aufteilung statt über die Zeit steuern. Statt 100 % in Aktien über zwölf Monate zu verteilen, legt man zum Beispiel sofort 60 % in Aktien und 40 % in Anleihen oder Tagesgeld an und behält diese Mischung bei. Das Risiko ist von Anfang an kleiner, aber das ganze Geld arbeitet sofort. Genau das empfiehlt Rozeff (1994) risikoscheuen Anlegern. Welche Mischung passt, zeigt der Artikel zum 60/40-Portfolio.
Der Cost-Average-Effekt ist kein Schutz vor Verlusten: Fällt der Markt dauerhaft, verliert auch der Sparplan. Er hat nur später und zu niedrigeren Kursen investiert.
Typische Missverständnisse
- „Der Sparplan kauft billiger, also verdient er mehr.“ Er kauft billiger als der Kursdurchschnitt, aber nicht billiger als die Einmalanlage zum Startkurs, wenn der Markt steigt.
- „Mit Sparplan ist das Timing egal.“ Für jede einzelne Rate stimmt das nicht; die Gesamtrendite hängt stark davon ab, wie die Märkte in den Jahren mit großem Vermögen laufen. Das nennt man Sequenzrisiko.
- „Schwankung ist gut für Sparer.“ Schwankung erzeugt den Effekt, senkt aber gleichzeitig die geometrische Rendite (siehe Volatility Drag). Weniger Schwankung bei gleicher mittlerer Rendite wäre besser.
So rechnet Portfolio Lab
Im Backtest kannst du einen Sparplan monatlich, quartalsweise oder jährlich einstellen, auf Wunsch mit festem Ausführungstag, Gebühren je Ausführung und Spread wie bei einem Broker. Die angezeigten Renditen sind zeitgewichtet: Sie zeigen die Wertentwicklung des Portfolios ohne den Effekt der Einzahlungen. Für den Vergleich mit einer Einmalanlage rechnest du denselben Zeitraum einmal mit Startkapital und einmal mit Sparrate und vergleichst die Endwerte. Die Einzelheiten stehen in der Methodik des Backtests.
Häufige Fragen
Gibt es den Cost-Average-Effekt wirklich?
Ja, rechnerisch: Ein fester Betrag kauft bei niedrigen Kursen mehr Anteile, der Durchschnittskaufkurs liegt unter dem Kursdurchschnitt. Eine höhere Rendite als die Einmalanlage folgt daraus aber nicht.
Ist der Cost-Average-Effekt ein Mythos?
Als Renditevorteil ja. Gegenüber einer Einmalanlage gewinnt der Sparplan nur, wenn die Kurse in der Ansparphase fallen; da Aktien öfter steigen, liegt die Einmalanlage im Mittel vorn.
Lohnt sich ein ETF-Sparplan trotzdem?
Ja, wenn du aus laufendem Einkommen sparst. Dann investierst du das Geld so früh wie möglich. Das ist sinnvoll, nur eben nicht wegen des Durchschnittskosteneffekts.
Wie lange sollte man einen größeren Betrag staffeln?
Wenn überhaupt, kurz und mit festem Ende, etwa über 6 bis 12 Monate. Je länger das Geld auf dem Konto liegt, desto mehr Rendite gibt man im Mittel auf.
Wirkt der Cost-Average-Effekt auch bei Entnahmeplänen?
Ja, aber umgekehrt: Wer feste Beträge entnimmt, verkauft bei niedrigen Kursen mehr Anteile. Der durchschnittliche Verkaufskurs liegt unter dem Kursdurchschnitt.
Bringt ein Sparplan in Krisen Vorteile?
In fallenden Märkten kauft der Sparplan günstig nach und steht danach besser da als eine Einmalanlage zum alten, höheren Kurs. Über lange Zeiträume mit steigenden Kursen gleicht sich das im Mittel nicht aus.
Was ist der Unterschied zwischen Durchschnittskosteneffekt und Stückzahl-Sparplan?
Beim festen Betrag kaufst du zum harmonischen Mittel der Kurse, bei fester Stückzahl zum arithmetischen Mittel. Der feste Betrag ist hier im Vorteil.
Literatur
- Benartzi, S.; Thaler, R. H. (1995): Myopic Loss Aversion and the Equity Premium Puzzle. The Quarterly Journal of Economics 110 (1), S. 73–92. doi:10.2307/2118511
- Constantinides, George M. (1979): A Note on the Suboptimality of Dollar-Cost Averaging as an Investment Policy. The Journal of Financial and Quantitative Analysis 14 (2). doi:10.2307/2330513
- Kahneman, Daniel; Tversky, Amos (1979): Prospect Theory: An Analysis of Decision under Risk. Econometrica 47 (2). doi:10.2307/1914185
- Rozeff, Michael S. (1994): Lump-Sum Investing versus Dollar-Averaging. The Journal of Portfolio Management 20 (2), S. 45–50. doi:10.3905/jpm.1994.409474
- Statman, Meir (1995): A Behavioral Framework for Dollar-Cost Averaging. The Journal of Portfolio Management 22 (1), S. 70–78. doi:10.3905/jpm.1995.409537
Dieser Artikel erklärt eine Methode; er ist keine Anlage- oder Steuerberatung. Zahlenbeispiele sind vereinfacht und gerundet. Alle Begriffe im Glossar.