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All-Weather-Portfolio: Für jedes Wirtschaftsklima gerüstet?

Grundlagen9 Min. Lesezeit · aktualisiert am 3. September 2026 · 5 Quellen

Das All-Weather-Portfolio soll in jedem wirtschaftlichen Umfeld bestehen: bei Boom und Rezession, bei steigender und fallender Inflation. Die Idee stammt vom Hedgefonds Bridgewater um Ray Dalio. Verwandte Konzepte sind das Permanent Portfolio von Harry Browne und das Golden Butterfly. Alle drei verteilen nicht nur Kapital, sondern bewusst das Risiko auf verschiedene Szenarien. Hier erfährst du, wie sie aufgebaut sind, was sie leisten und wo ihre Grenzen liegen.

Die Idee: vier Wirtschaftsszenarien

Märkte bewegen sich vor allem, wenn Wachstum und Inflation anders ausfallen als erwartet. Daraus ergeben sich vier Szenarien: Wachstum höher oder niedriger als erwartet, Inflation höher oder niedriger als erwartet. Jede Anlageklasse fühlt sich in einigen Szenarien wohl und in anderen nicht. Aktien profitieren von überraschend starkem Wachstum, nominale Staatsanleihen von schwachem Wachstum und sinkender Inflation, inflationsgeschützte Anleihen und Rohstoffe von steigender Inflation.

SzenarioTypische Gewinner
Wachstum steigtAktien, Rohstoffe, Unternehmensanleihen
Wachstum fälltnominale Staatsanleihen, inflationsgeschützte Anleihen
Inflation steigtinflationsgeschützte Anleihen, Rohstoffe, Gold
Inflation fälltAktien, nominale Staatsanleihen

Weil niemand verlässlich vorhersagen kann, welches Szenario kommt, legt das All-Weather-Konzept auf jedes Szenario gleich viel Risiko. So schildert es Bridgewater (2012): Die Gründer skizzierten vier Felder und wollten jedem Szenario dasselbe Risiko geben, um Ausgewogenheit zu erreichen.

„an investment strategy structured to be indifferent to shifts in discounted economic conditions“
Auf Deutsch: eine Anlagestrategie, die so aufgebaut ist, dass ihr Verschiebungen der erwarteten Wirtschaftslage gleichgültig sindBridgewater (2012)
Vier Felder, gleich viel Risiko: die Idee hinter All Weather

Gewinner wie in der Tabelle oben; „Inflationsanleihen“ steht für inflationsgeschützte, „Staatsanleihen“ für nominale Staatsanleihen. Gemeint ist jeweils eine Entwicklung, die anders ausfällt als erwartet.

Laut dem Bericht startete die Strategie 1996, zunächst für das Privatvermögen von Ray Dalio. Zwei Bausteine waren dabei entscheidend: inflationsgeschützte Anleihen, die damals in vielen Portfolios kaum vorkamen, und ein moderater Hebel auf die risikoarmen Anleihen, damit sie genug Risiko tragen, um die Aktien auszugleichen.

Die bekannten Aufteilungen

PortfolioAufteilung
All Weather für Privatanleger (ohne Hebel)30 % Aktien, 40 % lange Staatsanleihen, 15 % mittlere Staatsanleihen, 7,5 % Gold, 7,5 % Rohstoffe
Permanent Portfolio (Harry Browne)je 25 % Aktien, lange Staatsanleihen, Geldmarkt, Gold
Golden Butterflyje 20 % Aktien gesamt, Nebenwerte-Value, lange Staatsanleihen, kurze Staatsanleihen, Gold
zum Vergleich: 60/4060 % Aktien, 40 % Anleihen

Die verbreitete Aufteilung 30/40/15/7,5/7,5 ist nicht der Fonds von Bridgewater, sondern eine vereinfachte Variante ohne Hebel, die über einen populären Finanzratgeber aus dem Jahr 2014 bekannt wurde. Der echte All-Weather-Fonds nutzt Hebel, Futures und inflationsgeschützte Anleihen weltweit. Das Permanent Portfolio beschrieb Harry Browne in seinem Buch „Fail-Safe Investing“ (1999): Jedes der vier Viertel soll in einer bestimmten Phase tragen (Aktien im Wohlstand, lange Anleihen in der Deflation, Gold in der Inflation, Geldmarkt in der Rezession). Das Golden Butterfly ist eine jüngere Variante aus der Anlegergemeinde, die mehr Aktien und eine Beimischung kleiner, günstig bewerteter Unternehmen enthält.

Rechenbeispiel: Risiko statt Kapital verteilen

Wie stark sich Kapital- und Risikoaufteilung unterscheiden, zeigt der Risikobeitrag jeder Anlage. Für das Permanent Portfolio nehmen wir an: Aktien schwanken mit 16 %, lange Anleihen mit 10 %, Geldmarkt mit 0,5 %, Gold mit 15 %; Aktien und Anleihen sind unkorreliert, Gold korreliert leicht mit Aktien (0,1) und Anleihen (0,2).

Noch deutlicher wird das Prinzip mit nur zwei Anlagen. Aktien schwanken mit 16 %, Anleihen mit 5 %, Korrelation 0,1. Gleiches Risiko erreicht man grob, wenn man umgekehrt zur Volatilität gewichtet: 23,8 % Aktien und 76,2 % Anleihen. Dann trägt jede Seite 50,0 % des Risikos. Die Mischung schwankt nur mit 5,65 % und bringt bei 7 % und 2,5 % erwarteter Rendite 3,57 % pro Jahr.

Ob Risk Parity mit Hebel besser abschneidet, hängt also davon ab, ob risikoarme Anlagen je Risikoeinheit mindestens so viel bringen wie Aktien. Genau das behaupten Asness u. a. (2012): Weil viele Anleger keinen Kredit aufnehmen wollen oder dürfen, bevorzugen sie riskante Anlagen. Sichere Anlagen sind dadurch relativ günstig und bringen mehr Rendite je Risiko. Ob das auch künftig gilt, ist offen.

Umsetzung für Anleger in Euro

Die Aufteilungen stammen fast alle aus den USA und setzen auf US-Staatsanleihen in Dollar. Wer in Euro rechnet, holt sich damit ein Wechselkursrisiko ins Depot, das größer sein kann als das Zinsrisiko der Anleihen. Für den Anleihenteil bieten sich deshalb Euro-Staatsanleihen guter Bonität an: lange Laufzeiten für den Teil, der in Rezessionen tragen soll, kurze oder Geldmarkt für den stabilen Teil. Alternativ gibt es Anleihe-ETFs mit Währungsabsicherung.

Gold notiert in Dollar; für Euro-Anleger schwankt sein Preis zusätzlich mit dem Wechselkurs. Rohstoffe werden meist über Indexfonds auf Terminkontrakte abgebildet, deren Rendite stark von Rollkosten abhängt. Inflationsgeschützte Euro-Anleihen gibt es, aber das Angebot an breiten, günstigen ETFs ist kleiner als bei nominalen Anleihen. Wichtig ist am Ende weniger die exakte Nachbildung als das Prinzip: mehrere Anlagen, die in unterschiedlichen Szenarien tragen, und ein festes Rebalancing, das die Gewichte regelmäßig zurücksetzt. Ohne Rebalancing würde der Anteil der Gewinner wachsen und die Balance verloren gehen.

Was die Forschung zeigt

Die Gewichtung nach gleichen Risikobeiträgen ist gut untersucht. Maillard u. a. (2010) zeigen, dass ein solches Portfolio in seiner Volatilität zwischen dem Minimum-Varianz-Portfolio und der Gleichgewichtung liegt und ohne Renditeprognosen auskommt. Das ist ein Vorteil, weil Renditeschätzungen besonders fehleranfällig sind. Asness u. a. (2012) liefern mit der Hebelaversion eine ökonomische Begründung, warum der Ansatz über lange Zeit funktioniert haben könnte.

Zur Rolle von Gold: Baur und Lucey (2010) finden für die USA, Großbritannien und Deutschland, dass Gold im Mittel eine Absicherung gegen Aktien ist und in extremen Abschwüngen als sicherer Hafen wirkt, allerdings nur kurz. Erb und Harvey (2013) prüfen verbreitete Geschichten wie „Gold schützt vor Inflation“ kritisch und weisen darauf hin, dass der reale Goldpreis stark schwankt. Mehr dazu im Artikel Gold im Portfolio.

Wie man die Portfolios vergleicht

Weil die Varianten unterschiedlich viel Risiko tragen, ist ein Vergleich der reinen Rendite irreführend. Ein Permanent Portfolio mit wenig Schwankung sollte man mit risikoangepassten Kennzahlen wie der Sharpe Ratio, dem Maximum Drawdown und der Erholungszeit nach Verlusten beurteilen und mit einem 60/40-Portfolio gleichen Risikos vergleichen, nicht mit reinen Aktien. Lange Zeiträume mit unterschiedlichen Zins- und Inflationsphasen sind dabei wichtiger als die letzten zehn Jahre.

Kritik und Grenzen

  • Rückenwind der Vergangenheit: Viele Backtests fallen in eine Zeit stark sinkender Zinsen, in der lange Anleihen außergewöhnlich gut liefen. Bei steigenden Zinsen leiden gerade die großen Anleihenanteile (siehe Duration).
  • Kein Schutz vor allem: Steigen Zinsen und Inflation zugleich, können Aktien und Anleihen gleichzeitig fallen. Gold und Rohstoffe fangen das nur teilweise auf.
  • Niedrigere Rendite ohne Hebel: Die Varianten für Privatanleger schwanken weniger als 60/40, bringen aber im Mittel oft auch weniger. Das ist kein Fehler, sondern die Folge des geringeren Risikos.
  • Abweichung von der Masse: Wer jahrelang hinter einem Aktienportfolio zurückliegt, gibt die Strategie oft auf, meist zum ungünstigsten Zeitpunkt.
  • Währung: Die bekannten Aufteilungen stammen aus den USA. Euro-Anleger sollten Anleihen in Euro oder währungsgesichert wählen (siehe Währungsrisiko).

So rechnet Portfolio Lab

Portfolio Lab enthält die Aufteilungen als Vorlagen: All Weather in einer Europa-Variante, All Seasons und Permanent Portfolio aus US-Indexfonds sowie als lange Reihen aus Anlageklassen in Euro, dazu das Golden Butterfly. Im Backtest siehst du für jede Anlage den Gewinn- und den Risikobeitrag, die Drawdowns und Krisenzeiträume. In der Optimierung berechnet „Risk Parity“ die Gewichte mit gleichem Risikobeitrag aus den historischen Kovarianzen, ohne Hebel. Wie diese Rechnungen genau ablaufen, beschreiben die Methodik des Backtests und die Methodik der Optimierung.

Häufige Fragen

Ist das Permanent Portfolio sicher?

Es schwankt deutlich weniger als ein Aktienportfolio, kann aber trotzdem Verluste machen, etwa wenn Aktien, Anleihen und Gold gleichzeitig fallen. Sicher im Sinne von garantiert ist keine dieser Mischungen.

Wie oft sollte man ein All-Weather-Portfolio rebalancen?

Einmal im Jahr oder bei deutlichen Abweichungen von den Zielgewichten ist üblich. Ohne Rebalancing geht die Balance zwischen den Szenarien verloren.

Wie ist das All-Weather-Portfolio aufgeteilt?

Die bekannte Variante für Privatanleger: 30 % Aktien, 40 % lange und 15 % mittlere Staatsanleihen, je 7,5 % Gold und Rohstoffe. Der Originalfonds von Bridgewater nutzt zusätzlich Hebel und inflationsgeschützte Anleihen.

Was ist das Permanent Portfolio?

Eine Aufteilung von Harry Browne: je 25 % Aktien, lange Staatsanleihen, Geldmarkt und Gold, einmal im Jahr oder bei größeren Abweichungen neu ausgeglichen.

Lohnt sich das All-Weather-Portfolio für Euro-Anleger?

Es kann die Schwankung senken, bringt ohne Hebel aber meist weniger Rendite als ein aktienlastiges Portfolio. Wichtig sind Euro-Anleihen oder währungsgesicherte Anleihen. Keine Anlageberatung.

Was ist der Unterschied zwischen All Weather und Risk Parity?

All Weather ist die konkrete Strategie von Bridgewater; Risk Parity ist der allgemeine Ansatz, das Risiko statt des Kapitals gleich zu verteilen.

Welche ETFs braucht man für das Golden Butterfly?

Je einen Baustein für den breiten Aktienmarkt, kleine Value-Aktien, lange und kurze Staatsanleihen sowie Gold, also fünf Positionen zu je 20 %.

Literatur

  1. Asness, Clifford S.; Frazzini, Andrea; Pedersen, Lasse H. (2012): Leverage Aversion and Risk Parity. Financial Analysts Journal 68 (1), S. 47–59. doi:10.2469/faj.v68.n1.1
  2. Baur, Dirk G.; Lucey, Brian M. (2010): Is Gold a Hedge or a Safe Haven? An Analysis of Stocks, Bonds and Gold. Financial Review 45 (2), S. 217–229. doi:10.1111/j.1540-6288.2010.00244.x
  3. Erb, Claude B.; Harvey, Campbell R. (2013): The Golden Dilemma. Financial Analysts Journal 69 (4), S. 10–42. doi:10.2469/faj.v69.n4.1
  4. Maillard, Sébastien; Roncalli, Thierry; Teïletche, Jérôme (2010): The Properties of Equally Weighted Risk Contribution Portfolios. The Journal of Portfolio Management 36 (4), S. 60–70. doi:10.3905/jpm.2010.36.4.060
  5. Podolsky, Paul; Johnson, Ryan; Jennings, Owen (2012): The All Weather Story. Bridgewater Associates. Quelle

Gesamtes Literaturverzeichnis

Dieser Artikel erklärt eine Methode; er ist keine Anlage- oder Steuerberatung. Zahlenbeispiele sind vereinfacht und gerundet. Alle Begriffe im Glossar.