Stock Picking: Warum Einzelaktien so schwer zu treffen sind
Stock Picking heißt, einzelne Aktien gezielt auszuwählen, um besser abzuschneiden als der Markt. Das klingt nach Fleißarbeit, scheitert aber oft an der Statistik: Die meisten Einzelaktien bringen über ihre Lebensdauer weniger als der Geldmarkt, und wenige Ausnahmegewinner tragen den ganzen Markt. Hier erfährst du, warum das so ist, wie viele Titel ein Depot braucht, was Privatanleger und Fondsmanager tatsächlich erreichen und wie du Erfolg bei der Aktienauswahl ehrlich misst.
Was Stock Picking bedeutet
Ein Stock Picker hält nicht den ganzen Index, sondern eine Auswahl von einigen bis einigen Dutzend Titeln. Wie stark ein Depot vom Index abweicht, misst der Active Share. Grundsätzlich gilt die Rechnung von Sharpe (1991): Vor Kosten erzielen alle aktiven Anleger zusammen genau die Marktrendite, nach Kosten weniger. Die Abweichung vom Markt ist deshalb ein Nullsummenspiel: Wer mit seiner Auswahl gewinnt, gewinnt gegen andere aktive Anleger.
Die Schiefe der Einzelaktien
Der wichtigste Grund, warum Stock Picking schwer ist, steckt in der Verteilung der Renditen. Bessembinder (2018) wertete die US-Aktien seit 1926 aus: Die Mehrheit brachte über ihre gesamte Börsenzeit weniger als einmonatige Staatspapiere. Gemessen am geschaffenen Vermögen erklären die besten 4 % der Unternehmen den gesamten Nettogewinn des US-Markts; alle übrigen zusammen lagen etwa gleichauf mit Staatspapieren. Ursache ist die positive Schiefe: Monatsrenditen sind rechtsschief, und der Zinseszins verstärkt das, weil Verluste bei −100 % enden, Gewinne aber nicht.
Weltweit sieht es ähnlich aus. Laut Bessembinder u. a. (2023) brachten von 1990 bis 2020 55,2 % der US-Aktien und 57,4 % der Aktien außerhalb der USA weniger als einmonatige US-Staatspapiere. Die besten 2,4 % der Unternehmen schufen den gesamten Netto-Vermögenszuwachs von 75,7 Billionen US-Dollar; außerhalb der USA standen 1,41 % der Firmen für 30,7 Billionen. Diese wenigen Gewinneraktien muss ein Stock Picker erwischen, ein Indexfonds hält sie automatisch.
Zahlenbeispiel: Wie oft liegt ein Depot unter dem Index?
Ein einfaches Modell zeigt, was Schiefe für ein Depot bedeutet. Angenommen, jede Aktie entwickelt sich über zehn Jahre wie der Markt mal einem eigenen Faktor. Dieser Faktor ist lognormalverteilt, im Mittel 1, mit einer Streuung der Log-Renditen von 1,0. Das entspricht grob 32 % unternehmensspezifischer Schwankung pro Jahr. Der Index entspricht dann genau dem Mittelwert. Ein Depot aus n zufällig gezogenen, gleich gewichteten Aktien liegt unter dem Index, wenn der Durchschnitt seiner Faktoren unter 1 liegt.
Das Modell ist eine Illustration mit runden Annahmen, keine Schätzung. Es zeigt aber das Muster der Studien: Der Mittelwert ist hoch, weil wenige Aktien sehr viel gewinnen; der Median ist niedrig.
Wie viele Aktien braucht ein Depot?
Neben der Schiefe zählt die Schwankung. Bei n gleich gewichteten Aktien mit gleicher Volatilität σ̄ und durchschnittlicher Korrelation ρ gilt:
σ_p² = σ̄² / n + (1 − 1/n) × ρ × σ̄²- σ̄
- Volatilität einer Einzelaktie
- ρ
- durchschnittliche Korrelation zwischen den Aktien
- n
- Zahl der Titel
Formel oben mit σ̄ = 35 % und ρ = 0,25. Die ersten zehn Titel senken die Schwankung stark, danach nähert sich die Kurve nur noch langsam dem Marktrisiko.
Evans und Archer (1968) untersuchten zufällig zusammengestellte, gleich gewichtete Portfolios; daraus wurde die verbreitete Faustregel, dass etwa zehn Aktien genügen. Statman (1987) widersprach: Ein gut gestreutes Depot aus zufällig gewählten Aktien brauche mindestens 30 Titel für Anleger, die auf Kredit investieren, und 40 für Anleger ohne Kredit. Die Schiefe kommt hinzu: Die Volatilität sinkt schnell, die Gefahr, die wenigen großen Gewinner zu verpassen, nur langsam. Mehr dazu im Artikel Korrelation und Diversifikation.
Konzentration und Überzeugung
Für Konzentration spricht ein Argument: Wer wirklich etwas weiß, sollte es nicht verwässern. Dafür gibt es Belege. Laut Kacperczyk u. a. (2005) schnitten aktive US-Aktienfonds, die sich auf wenige Branchen konzentrierten, von 1984 bis 1999 nach Bereinigung um Risiko und Stil im Schnitt besser ab; Können zeigte sich eher bei Managern mit konzentrierten Depots.
Konzentration verlangt aber viel Treffsicherheit. Das Fundamentalgesetz des aktiven Managements nach Grinold (1989) verknüpft die Information Ratio mit Treffsicherheit und Breite: IR ≈ IC × √BR. Wer nur 20 unabhängige Wetten im Jahr eingeht, braucht für dieselbe Information Ratio eine gut dreimal so hohe Treffsicherheit wie jemand mit 200 Wetten.
Was die Forschung zeigt
- Privatanleger: Barber und Odean (2000) werteten 66.465 Haushalte eines US-Discountbrokers von 1991 bis 1996 aus. Die Haushalte, die am meisten handelten, kamen auf 11,4 % pro Jahr, der Markt auf 17,9 %; der Durchschnittshaushalt schichtete 75 % seines Depots im Jahr um. Als Ursache nennen die Autoren Selbstüberschätzung.
- Dispositionseffekt: Odean (1998) zeigte an 10.000 Depots, dass Anleger Gewinner deutlich lieber verkaufen als Verlierer (Dispositionseffekt). Die spätere Wertentwicklung rechtfertigt das nicht, und bei steuerpflichtigen Depots kostet es Rendite nach Steuern.
- Lotterie-Aktien: Laut Bali u. a. (2011) bringen Aktien mit dem höchsten Tagesgewinn des Vormonats danach niedrigere Renditen; zwischen dem Zehntel mit den niedrigsten und dem mit den höchsten Werten lag der Unterschied bei mehr als 1 % pro Monat. Anleger zahlen offenbar für die kleine Chance auf einen großen Treffer zu viel (Lotterie-Aktie).
- Profis: Das Gesamtportfolio aktiver US-Aktienfonds liegt laut Fama und French (2010) nahe am Marktportfolio, die hohen Kosten kommen aber voll als niedrigere Rendite bei den Anlegern an. Nur wenige Fonds erzielen genug Mehrrendite, um ihre Kosten zu decken (Glück oder Können).
- Europa: Laut dem Bericht SPIVA Europe (2026) blieben über die zehn Jahre bis Ende 2025 97,02 % der in Euro geführten Europa-Aktienfonds hinter dem S&P Europe 350 zurück; von den 1.040 Fonds zu Beginn des Zeitraums gab es danach nur noch 56,83 %.
Wie Fondsmanager Aktien auswählen
Wer trotzdem Einzelaktien auswählt, kann sich an der Arbeitsweise professioneller Manager orientieren. Die Punkte beschreiben verbreitete Praxis, keine geprüfte Erfolgsformel:
- Bottom-up-Research: Geschäftsmodell, Bilanz und Bewertung jedes Titels verstehen. Das ist das Handwerk der Fundamentalanalyse. Die Kernfrage lautet: Was weiß oder gewichte ich anders als der Markt?
- These und Katalysator: Eine Kaufidee braucht eine überprüfbare These und ein Ereignis, das den Markt umdenken lässt, etwa Quartalszahlen, ein neues Produkt oder ein Wechsel im Management.
- Positionsgröße: Die Gewichte folgen Überzeugung und Risiko, mit Obergrenzen je Titel und Branche. Kein einzelner Totalverlust darf das Depot gefährden.
- Verkaufsdisziplin: Vorab festlegen, dass verkauft wird, wenn die These widerlegt oder das Kursziel erreicht ist. Das wirkt dem Dispositionseffekt entgegen.
- Risikokontrolle: Prüfen, welche Faktoren, Branchen und Länder das Depot ungewollt prägen. Mancher Stock Picker wettet in Wahrheit nur auf einen Stil.
Für Fortgeschrittene: Stock Picking ehrlich messen
- Passende Benchmark: Ein Depot aus kleinen europäischen Aktien gehört nicht gegen den DAX gemessen. Die Benchmark sollte das investierbare Universum abbilden und Dividenden enthalten.
- Risiko bereinigen: Jensen (1968) maß Fondsleistung als Alpha einer Regression gegen den Markt, Carhart (1997) ergänzte die Faktoren nach Fama und French um Momentum. Ein hohes Rohergebnis ist oft nur ein höheres Beta oder ein Hang zu kleinen oder günstigen Aktien.
- Statistische Sicherheit: Der t-Wert eines Alphas ist ungefähr Information Ratio × √Jahre. Ein Wert von 2 gilt als Mindestmaß.
- Überlebende: Wer nur heute noch notierte Aktien oder bestehende Fonds auswertet, überschätzt die Ergebnisse. Diesen Survivorship Bias beschreiben Brown u. a. (1992).
- Kosten und Steuern: Handelskosten, Geld-Brief-Spannen und Steuern auf realisierte Gewinne fallen bei Einzelaktien häufiger an als bei einem Indexfonds.
Grenzen und typische Fehler
- Rückschaufehler: Die Gewinner von gestern wirken im Nachhinein offensichtlich. Ein Backtest mit heute bekannten Erfolgsaktien beweist nichts.
- Zu wenige Titel: Fünf Aktien sind keine Streuung, weder bei der Schwankung noch bei der Chance, die seltenen großen Gewinner zu halten.
- Geschichten statt Preise: Ein spannendes Produkt steckt oft schon im Kurs; entscheidend ist, was der Preis bereits erwartet.
- Zu viel Handel: Häufiges Umschichten kostete in den Studien Rendite.
- Modellgrenzen: Das Zahlenbeispiel nimmt unabhängige, gleich verteilte Aktien an. In Wirklichkeit unterscheiden sich Branchen, Größen und Risiken. Das Muster der Schiefe bleibt, die genauen Prozente nicht.
Dieser Artikel ist keine Anlageberatung und nennt bewusst keine einzelnen Aktien. Ob aktives oder passives Anlegen besser zu dir passt, erklärt Aktiv oder passiv. Wie Betrüger die Lust auf den großen Treffer ausnutzen, zeigt Pump and Dump.
So rechnet Portfolio Lab
- Backtest mit Einzelaktien: Die Wertpapier-Datenbank enthält auch Aktien. Im Backtest rechnest du ein Depot aus Einzeltiteln mit wiederangelegten Dividenden gegen eine Benchmark, etwa einen Index-ETF. Die App kennt nur die Aktien, die du heute auswählst; wer bekannte Gewinner in die Vergangenheit legt, unterliegt dem Survivorship Bias (Methodik).
- Faktoranalyse: Die Seite Faktoren regressiert die Monatsrenditen deines Depots auf Markt, Größe und Value, im Fünf-Faktoren-Modell auch auf Profitabilität und Investment, wahlweise auf Momentum, und zeigt das Alpha mit t-Wert, auf Wunsch mit Standardfehlern nach Newey-West (Methodik).
- Stilanalyse: Die Stilanalyse erklärt die Renditen mit Stil-Indizes nach Sharpe und misst die Selektionsrendite außerhalb der Stichprobe (Methodik).
- Konzentration: Das Look-through führt Einzelaktien und die Positionen deiner Fonds zusammen und zeigt den Anteil der zehn größten Titel sowie die effektive Zahl der Positionen, den Kehrwert des Herfindahl-Index (Methodik).
Häufige Fragen
Lohnt sich Stock Picking?
Für die meisten Anleger nicht: Die Mehrheit der Einzelaktien bringt über ihre Lebensdauer weniger als der Geldmarkt, und auch die meisten Profis schlagen ihren Index nach Kosten nicht. Wer es versucht, sollte breit streuen und das Ergebnis ehrlich gegen einen Index messen.
Wie viele Aktien sollte ein Depot haben?
Für die Schwankung reichen 20 bis 30 Titel aus verschiedenen Branchen weit; Statman nannte mindestens 30 bis 40. Wegen der Schiefe der Renditen bleibt aber auch dann die Gefahr, die wenigen großen Gewinner zu verpassen.
Warum schlagen die meisten Aktien den Markt nicht?
Weil die Renditen rechtsschief sind: Wenige Aktien steigen um ein Vielfaches und ziehen den Durchschnitt nach oben, die typische Aktie liegt darunter. Im Zahlenbeispiel liegt eine einzelne Aktie nach zehn Jahren mit 69 % Wahrscheinlichkeit unter dem Index.
Einzelaktien oder ETF: Was ist besser?
Ein breiter ETF hält die seltenen großen Gewinner sicher und kostet wenig. Einzelaktien können sich lohnen, wenn du einen echten Vorsprung bei Information oder Urteil hast und das Risiko tragen kannst; belegen kann das erst eine lange, risikobereinigte Erfolgsbilanz.
Woran erkenne ich, ob ich ein guter Stock Picker bin?
Vergleiche dein Depot mit einer passenden Benchmark, bereinige um Faktoren wie Größe und Value und achte auf die Dauer: Bei 2 % Alpha und 6 % Tracking Error braucht der Nachweis rund 36 Jahre.
Literatur
- Bali, Turan G.; Cakici, Nusret; Whitelaw, Robert F. (2011): Maxing out: Stocks as lotteries and the cross-section of expected returns. Journal of Financial Economics 99 (2), S. 427–446. doi:10.1016/j.jfineco.2010.08.014
- Barber, Brad M.; Odean, Terrance (2000): Trading Is Hazardous to Your Wealth: The Common Stock Investment Performance of Individual Investors. The Journal of Finance 55 (2), S. 773–806. doi:10.1111/0022-1082.00226
- Bessembinder, Hendrik (2018): Do stocks outperform Treasury bills?. Journal of Financial Economics 129 (3), S. 440–457. doi:10.1016/j.jfineco.2018.06.004
- Bessembinder, Hendrik; Chen, Te-Feng; Choi, Goeun; Wei, K. C. John (2023): Long-Term Shareholder Returns: Evidence from 64,000 Global Stocks. Financial Analysts Journal 79 (3), S. 33–63. doi:10.1080/0015198X.2023.2188870
- Brown, Stephen J.; Goetzmann, William; Ibbotson, Roger G.; Ross, Stephen A. (1992): Survivorship Bias in Performance Studies. Review of Financial Studies 5 (4), S. 553–580. doi:10.1093/rfs/5.4.553
- Carhart, Mark M. (1997): On Persistence in Mutual Fund Performance. The Journal of Finance 52 (1), S. 57–82. doi:10.1111/j.1540-6261.1997.tb03808.x
- Di Gioia, Davide; Edwards, Tim; Smith, Euan; Malinowski, Agatha (2026): SPIVA Europe Year-End 2025. S&P Dow Jones Indices, 19.03.2026; abgerufen am 25.10.2026. Quelle
- Evans, John L.; Archer, Stephen H. (1968): Diversification and the Reduction of Dispersion: An Empirical Analysis. The Journal of Finance 23 (5), S. 761–767. doi:10.1111/j.1540-6261.1968.tb00315.x
- Fama, Eugene F.; French, Kenneth R. (2010): Luck versus Skill in the Cross-Section of Mutual Fund Returns. The Journal of Finance 65 (5), S. 1915–1947. doi:10.1111/j.1540-6261.2010.01598.x
- Grinold, Richard C. (1989): The fundamental law of active management. The Journal of Portfolio Management 15 (3), S. 30–37. doi:10.3905/jpm.1989.409211
- Jensen, Michael C. (1968): The Performance of Mutual Funds in the Period 1945–1964. The Journal of Finance 23 (2), S. 389–416. doi:10.1111/j.1540-6261.1968.tb00815.x
- Kacperczyk, Marcin; Sialm, Clemens; Zheng, Lu (2005): On the Industry Concentration of Actively Managed Equity Mutual Funds. The Journal of Finance 60 (4), S. 1983–2011. doi:10.1111/j.1540-6261.2005.00785.x
- Odean, Terrance (1998): Are Investors Reluctant to Realize Their Losses?. The Journal of Finance 53 (5), S. 1775–1798. doi:10.1111/0022-1082.00072
- Sharpe, William F. (1991): The Arithmetic of Active Management. Financial Analysts Journal 47 (1), S. 7–9. doi:10.2469/faj.v47.n1.7
- Statman, Meir (1987): How Many Stocks Make a Diversified Portfolio?. The Journal of Financial and Quantitative Analysis 22 (3). doi:10.2307/2330969
Dieser Artikel erklärt eine Methode; er ist keine Anlage- oder Steuerberatung. Zahlenbeispiele sind vereinfacht und gerundet. Alle Begriffe im Glossar.