FIRE (Financial Independence, Retire Early): Lean, Fat, Coast und Barista FIRE
FIRE steht für Financial Independence, Retire Early: finanziell unabhängig werden und früh nicht mehr arbeiten müssen. Die FIRE-Bewegung setzt auf eine hohe Sparquote und ein Depot, aus dem du später deine Ausgaben entnimmst. Wie viel du brauchst, sagt die FIRE-Zahl; wie lange es dauert, vor allem deine Sparquote. Hier erfährst du die Formeln mit Rechenbeispielen, die Spielarten von Lean bis Barista FIRE, warum 4 % für 40 oder 50 Jahre knapp werden und was in Deutschland dazukommt. Keine Anlage-, Steuer- oder Rentenberatung.
Idee und Herkunft
Die Grundidee ist alt: Wer deutlich weniger ausgibt, als er verdient, und die Differenz anlegt, kann irgendwann von seinem Vermögen leben. Ein frühes Grundlagenwerk ist das Buch „Your Money or Your Life“ von Dominguez und Robin (1992), das schon im Untertitel verspricht, die Beziehung zum Geld zu verändern und finanzielle Unabhängigkeit zu erreichen. Später verbreitete sich die Abkürzung FIRE vor allem im Internet. Gemeinsam ist allen Spielarten: Ausgaben bewusst senken, die Sparquote hoch halten, breit und günstig anlegen und Arbeit zur Wahl statt zur Pflicht machen. Viele meinen mit „Retire Early“ gar nicht den völligen Ruhestand, sondern die Freiheit, weniger oder anders zu arbeiten.
Die FIRE-Zahl
Die FIRE-Zahl ist das Vermögen, ab dem du deine Ausgaben dauerhaft aus dem Depot entnehmen kannst. Sie dreht die Entnahmerate um:
FIRE-Zahl = jährliche Ausgaben / Entnahmerate- jährliche Ausgaben
- was das Depot jedes Jahr decken muss, nach Abzug sicherer Einkünfte wie Teilzeitlohn oder Rente
- Entnahmerate
- Anteil des Startvermögens, der im ersten Jahr entnommen und danach mit der Inflation erhöht wird
Bei 4 % ist das das 25-Fache der Ausgaben, bei 3,5 % das 28,6-Fache. Die 4 % stammen aus US-Daten für 30 Jahre (Bengen 1994). Für einen Ruhestand mit 40 oder 45 ist das eher zu optimistisch, mehr dazu unten.
In die Ausgaben gehört alles, was du heute nebenbei oder über den Arbeitgeber bezahlst: Krankenversicherung, Rücklagen für Auto, Wohnung und Gesundheit, außerdem die Steuern auf deine Entnahmen. Verkaufst du Fondsanteile, zahlst du auf den Gewinnanteil Abgeltungsteuer nach Teilfreistellung und Sparer-Pauschbetrag (EStG 2009; InvStG 2016). Nach 15 oder 20 Jahren Sparen ist ein erheblicher Teil jedes verkauften Euros Gewinn.
Sparquote und Zeit bis zur Unabhängigkeit
Entscheidend ist weniger das Einkommen als die Sparquote s: der Anteil des Nettoeinkommens, den du anlegst. Sie wirkt doppelt: Mehr Sparen füllt das Depot schneller, und niedrigere Ausgaben senken die FIRE-Zahl. Bei realer Rendite r, Entnahmerate w und Start bei null gilt für die Jahre n bis zur Unabhängigkeit:
n = ln(1 + r × (1 − s) / (s × w)) / ln(1 + r)- s
- Sparquote: gesparter Anteil des Nettoeinkommens
- r
- reale Rendite pro Jahr nach Kosten
- w
- Entnahmerate, mit der die FIRE-Zahl berechnet wird
- n
- Jahre bis zur FIRE-Zahl; gespart wird jeweils am Jahresende
Herleitung: Wer den Anteil s seines Einkommens spart, gibt 1 − s aus und braucht (1 − s) / w als Vermögen. Die Sparraten wachsen mit dem Zinseszins auf s × ((1 + r)^n − 1) / r. Gleichsetzen und nach n auflösen ergibt die Formel. Ist r = w, vereinfacht sie sich zu n = ln(1 / s) / ln(1 + r).
Formel oben mit realer Rendite und Entnahmerate wie im Beispiel, Start ohne Vermögen. Bei 50 % Sparquote sind es 17,7, 20,5 und 19,4 Jahre; die Sparquote verschiebt das Ergebnis viel stärker als Rendite oder Entnahmerate.
Die Rechnung vereinfacht: Einkommen steigen meist im Berufsleben, Renditen schwanken, und die Ausgaben im Ruhestand sind selten genau die heutigen. Das Sequenzrisiko gilt auch in der Ansparphase: Ein Crash kurz vor dem Ziel trifft das größte Vermögen und kann den Termin um Jahre verschieben. Ob du lieber regelmäßig oder auf einmal anlegst, behandelt Sparplan oder Einmalanlage.
Lean, Fat, Barista, Coast und Slow FIRE
Feste Grenzen zwischen den Spielarten gibt es nicht; die Beträge unten sind Beispiele, keine Definitionen.
- Lean FIRE: unabhängig mit knappem Budget, etwa 20.000 € Ausgaben im Jahr (bei 4 % reichen 500.000 €). Wenig Puffer für Überraschungen.
- Fat FIRE: großzügiger Lebensstil, etwa 80.000 € im Jahr (bei 3,5 % sind das 2.285.714 €). Meist nur mit hohem Einkommen erreichbar.
- Barista FIRE: Ein Teilzeitjob deckt einen Teil der Ausgaben, das Depot nur die Lücke (Barista FIRE). Der Name spielt auf den Teilzeitjob im Café an.
- Coast FIRE: Das Depot ist schon so groß, dass es ohne weitere Sparrate bis zum geplanten Ausstieg auf die FIRE-Zahl wächst (Coast FIRE). Bis dahin musst du nur noch deine laufenden Ausgaben verdienen.
- Slow FIRE: ein langsamer Weg mit moderater Sparquote, oft mit Teilzeit oder Auszeiten unterwegs. Das bringt Freiheit schon während des Sparens, statt alles auf ein frühes Enddatum zu setzen.
Beträge aus den Beispielen dieses Abschnitts: FIRE und Lean bei 4 % Entnahmerate (das 25-Fache der Ausgaben), Barista (Lücke von 18.000 €) und Fat (80.000 €) bei 3,5 %, Coast bei 4 % Realrendite und 30 Jahren bis zum Ausstieg.
Für Coast FIRE zinst du die FIRE-Zahl auf heute ab:
Coast-Zahl = FIRE-Zahl / (1 + r)^n- FIRE-Zahl
- nötiges Vermögen beim geplanten Ausstieg, in heutiger Kaufkraft
- r
- erwartete reale Rendite pro Jahr
- n
- Jahre bis zum geplanten Ausstieg
Entnahmerate für 40 oder 50 Jahre
Die 4-%-Regel ist für 30 Jahre gerechnet: Bengen (1994) prüfte mit US-Daten seit 1926, welche inflationsangepasste Anfangsentnahme jeden historischen Zeitraum überstanden hätte. Die oft zitierte Trinity-Studie von 1998 kam mit US-Daten zu ähnlichen Werten. Wer mit 40 aufhört, braucht aber 45 oder 50 Jahre, und die tragbare Rate sinkt mit dem Zeitraum. Das zeigt schon die einfachste Rechnung ohne Schwankungen: Bei konstanter Realrendite ist die höchste Entnahme, die das Vermögen genau aufbraucht, eine Annuität.
w_max = r / (1 − (1 + r)^(−n))- r
- konstante reale Rendite
- n
- Jahre der Entnahme, jeweils am Jahresende
- w_max
- höchste Entnahme in Prozent des Startvermögens
Breitere Daten machen die Zahl kleiner. Anarkulova u. a. (2025) werteten Renditen von Anlageklassen in 38 Industrieländern aus: Ein 65-jähriges Paar, das eine Ruinwahrscheinlichkeit von 5 % in Kauf nimmt, kann demnach nur 2,31 % pro Jahr entnehmen, deutlich weniger als die 4-%-Regel. Für einen Ruhestand ab 40 mit noch längerem Horizont dürfte die Rate nach dieser Logik eher noch niedriger liegen; das ist unsere Einschätzung, keine Zahl aus der Studie. Cooley u. a. (2003) zeigen außerdem, dass überlappende historische Zeiträume und Monte-Carlo-Simulationen unter manchen Bedingungen ähnliche, unter anderen stark abweichende Ergebnisse liefern. Die Methode selbst ist eine Annahme.
Was hilft, ist Flexibilität: in schlechten Jahren weniger entnehmen, einen Teil über Nebeneinkünfte decken oder die Aktienquote im Ruhestand erst niedrig halten und dann steigen lassen, was laut Pfau und Kitces (2013) das Risiko früher Verluste mindern kann. Die Ruinwahrscheinlichkeit hängt zudem an der unbekannten Lebensdauer (Milevsky und Robinson 2000). Einzelheiten zu festen und flexiblen Regeln stehen im Artikel Entnahmerate.
Sequenzrisiko: die ersten Jahre zählen
Beim frühen Ausstieg wiegt das Sequenzrisiko besonders schwer: Fällt der Markt in den ersten Jahren, verkaufst du billige Anteile, die in der Erholung fehlen, und du hast noch Jahrzehnte vor dir. Gleichzeitig ist der Weg zurück in den Beruf nach einigen Jahren Pause oft schwerer. Typische Gegenmittel sind ein Puffer von ein bis zwei Jahresausgaben im Geldmarkt, flexible Entnahmen und ein Nebeneinkommen in den ersten Jahren. Genau das baut Barista FIRE ein.
Besonderheiten in Deutschland
Ein paar Punkte, die amerikanische Ratgeber selten behandeln, als allgemeiner Überblick und nicht als Beratung:
- Gesetzliche Rente: Wer früh aufhört, zahlt weniger Jahre ein; die spätere Rente fällt entsprechend kleiner aus. Eine Altersrente gibt es erst ab einem gesetzlich festgelegten Alter, vorgezogen nur unter Voraussetzungen und meist mit Abschlägen. Das Depot muss also zwei Phasen tragen: bis zur Rente alles, danach nur noch die Lücke. Wie hoch deine bisherigen Ansprüche sind, zeigt die Renteninformation der Deutschen Rentenversicherung; wie sie ins Gesamtbild passen, beschreibt Gesamtvermögen.
- Krankenversicherung: Auch ohne Job musst du in Deutschland krankenversichert sein. Ob gesetzlich oder privat und was das kostet, hängt von deiner Lage ab; nach unserem Verständnis zählen bei freiwillig gesetzlich Versicherten auch Kapitalerträge zu den beitragspflichtigen Einnahmen. Kläre das vor dem Ausstieg mit deiner Krankenkasse. Es ist ein Posten, den viele unterschätzen.
- Steuern auf Entnahmen: Jeder Verkauf enthält einen Gewinnanteil, der nach Teilfreistellung und Sparer-Pauschbetrag mit Abgeltungsteuer belastet wird (EStG 2009); bei thesaurierenden Fonds kommt jährlich die Vorabpauschale dazu (InvStG 2016). Mehr unter Abgeltungsteuer und Teilfreistellung.
- Kaufkraft: Bei 2 % Inflation kosten 30.000 € von heute in 20 Jahren 44.578 €, in 40 Jahren 66.241 €. Rechne deshalb in heutiger Kaufkraft und mit realen Renditen.
Kritik und Grenzen
- Lebensplanung: Ein Ziel, das 15 bis 20 Jahre Verzicht verlangt, kann Jahre kosten, in denen Reisen, Familie oder Gesundheit am meisten bringen. Manche merken nach dem Ausstieg, dass Arbeit ihnen Struktur und Kontakte gab.
- Lifestyle Creep: Steigt das Einkommen, steigen oft unbemerkt die Ausgaben und mit ihnen die FIRE-Zahl. Jede dauerhafte Mehrausgabe von 100 € im Monat erhöht sie bei 4 % um 30.000 €.
- Gesundheit und Pflege: Kosten für Krankenversicherung, Zahnersatz oder Pflege steigen mit dem Alter und lassen sich mit einem Budget von heute schwer schätzen.
- Renditeannahmen: Die 4 % Realrendite der Beispiele sind keine Garantie; Monte-Carlo-Simulationen zeigen, wie breit die Spanne der Ergebnisse ist.
- Humankapital aufgegeben: Wer früh aufhört, verzichtet auf Einkommen, Rentenansprüche und Karrierechancen. Das ist ein Vermögenswert, der in keiner Depotübersicht steht (Humankapital).
- Amerikanische Herkunft: Viele Faustregeln stammen aus den USA, mit anderen Steuern, Renten und Gesundheitskosten und einem der besten Aktienmärkte des 20. Jahrhunderts.
So rechnet Portfolio Lab
Für einen FIRE-Plan sind die Finanzziele das passende Werkzeug. Du legst einen Zahlungsplan an: eine Sparrate bis zum Ausstiegsjahr, auf Wunsch mit jährlicher Dynamik, eine laufende Entnahme ab dem Ausstieg in heutiger Kaufkraft und als Einkommen einen Teilzeitlohn (Barista FIRE) oder später die gesetzliche Rente, jeweils netto. Einkommen deckt Ausgaben im selben Monat direkt, nur der Rest kommt aus dem Depot. Prioritäten trennen Pflicht und Kür: Ausgaben mit Priorität Mittel oder Niedrig, etwa eine Weltreise, werden nur bezahlt, wenn die wichtigen Ausgaben gesichert bleiben. Auf Wunsch rechnet die Simulation deutsche Steuern auf Verkäufe mit Teilfreistellung, Sparer-Pauschbetrag und Vorabpauschale.
Gerechnet wird auf 2.000 Renditepfaden, voreingestellt per Block-Bootstrap mit Jahresblöcken aus der Historie des gewählten Portfolios. Ergebnis sind die Erfolgsquote je Ziel und ein Vermögensfächer. Die Erfolgsquote ist der Anteil der Pfade, in denen die Zahlung in jedem fälligen Monat voll geleistet wurde. Der Sparraten-Rechner sucht die zusätzliche Sparrate, mit der eine Ziel-Erfolgsquote erreicht wird, voreingestellt 90 %. Für eine einfache Entnahme über bis zu 60 Jahre gibt es Monte Carlo, und der Backtest zeigt die sichere und die ewige Entnahmerate im gewählten historischen Zeitraum. Mehr in der Methodik Finanzziele und der Methodik Monte Carlo.
Häufige Fragen
Was bedeutet FIRE?
Financial Independence, Retire Early: so viel Vermögen aufbauen, dass die Entnahmen daraus die Ausgaben decken. Dann musst du nicht mehr arbeiten, oft lange vor dem gesetzlichen Rentenalter.
Wie berechne ich meine FIRE-Zahl?
Jährliche Ausgaben, die das Depot decken muss, geteilt durch die Entnahmerate. Bei 30.000 € und 4 % sind das 750.000 €, bei 3,5 % 857.143 €.
Was ist Coast FIRE?
Du hast schon so viel angelegt, dass das Depot ohne weitere Sparrate bis zum geplanten Ausstieg auf die FIRE-Zahl wächst. Bei 750.000 € Ziel, 30 Jahren und 4 % Realrendite sind das heute 231.239 €.
Wie lange dauert es bis zur finanziellen Unabhängigkeit?
Vor allem eine Frage der Sparquote: Bei 4 % Realrendite und 4 % Entnahmerate sind es mit 25 % Sparquote gut 35 Jahre, mit 50 % knapp 18 Jahre und mit 75 % gut 7 Jahre.
Reicht die 4-%-Regel für einen frühen Ruhestand?
Eher nicht. Sie stammt aus US-Daten für 30 Jahre. Für 40 bis 50 Jahre sinkt die tragbare Rate, und Studien mit breiten internationalen Daten kommen schon für Ruheständler ab 65 auf deutlich niedrigere Werte. Flexible Entnahmen und Nebeneinkommen machen einen Plan robuster.
Was ist Barista FIRE?
Ein Teilzeitjob deckt einen Teil der Ausgaben, das Depot nur die Lücke. Bei 30.000 € Ausgaben und 12.000 € Teilzeitlohn reichen bei 3,5 % Entnahmerate 514.286 € statt 857.143 €.
Literatur
- Anarkulova, Aizhan; Cederburg, Scott; O'Doherty, Michael S.; Sias, Richard (2025): The safe withdrawal rate: evidence from a broad sample of developed markets. Journal of Pension Economics and Finance 24 (3), S. 464–500. doi:10.1017/s1474747225000010
- Bengen, William P. (1994): Determining Withdrawal Rates Using Historical Data. Journal of Financial Planning. Quelle
- Cooley, Philip L.; Hubbard, Carl M.; Walz, Daniel T. (2003): Comparative Analysis of Retirement Portfolio Success Rates. Financial Services Review 12 (2), S. 115–128. doi:10.61190/fsr.v12i2.4759
- Deutscher Bundestag (2009): Einkommensteuergesetz (EStG), § 20 (Kapitalvermögen) und § 32d (Abgeltungsteuer). Bundesgesetzblatt; Fassung auf gesetze-im-internet.de. Quelle
- Deutscher Bundestag (2016): Investmentsteuergesetz (InvStG), §§ 16, 18, 19 und 20 (Investmenterträge, Vorabpauschale, Veräußerung, Teilfreistellung). Bundesgesetzblatt; Fassung auf gesetze-im-internet.de. Quelle
- Dominguez, Joe; Robin, Vicki (1992): Your Money or Your Life: Transforming Your Relationship with Money and Achieving Financial Independence. Viking.
- Milevsky, Moshe Arye; Robinson, Chris (2000): Self-Annuitization and Ruin in Retirement. North American Actuarial Journal 4 (4), S. 112–124. doi:10.1080/10920277.2000.10595940
- Pfau, Wade D.; Kitces, Michael E. (2013): Reducing Retirement Risk with a Rising Equity Glide-Path. SSRN. doi:10.2139/ssrn.2324930
Dieser Artikel erklärt eine Methode; er ist keine Anlage- oder Steuerberatung. Zahlenbeispiele sind vereinfacht und gerundet. Alle Begriffe im Glossar.