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Anlageklassen mit langer Historie: Methodik

Vertiefung10 Min. Lesezeit · aktualisiert am 24. Oktober 2026 · 7 Quellen

Viele ETFs gibt es erst seit 15 oder 20 Jahren. Das ist zu kurz, um eine Strategie über mehrere Zinszyklen und Krisen zu prüfen. Die Anlageklassen in Portfolio Lab verlängern deshalb handelbare Fonds mit älteren Indexdaten, aus Zinsen berechneten Anleihen und verwandten Reihen. Diese Methodik zeigt Schritt für Schritt, wie die Monatsreihen in Euro entstehen, welche Annahmen darin stecken und wo ihre Grenzen liegen.

Aufbau einer Anlageklasse

Portfolio Lab kennt 202 Anlageklassen in 18 Gruppen, von „Aktien“ über „Anleihen Laufzeiten“ und „Credit“ bis „Krypto“ und „Overlay & Optionen“. Jede hat ein Symbol mit „@“, etwa @AKTIEN_WELT oder @BUND_10J, und funktioniert im Backtest und in den anderen Werkzeugen wie ein Ticker. Hinter jedem Symbol steht eine Kette von Quellen in fester Reihenfolge. Jede Quelle hat eine von vier Rollen:

  • Fonds: ein handelbarer ETF oder Indexfonds. Seine Kosten stecken schon im Kurs, Ausschüttungen sind wieder angelegt.
  • Index: Indexdaten ohne Kosten, etwa eine Indexreihe mit wieder angelegten Nettodividenden oder Faktorrenditen nach Fama und French für eine Region.
  • Synthetisch: eine Anleihe mit konstanter Restlaufzeit oder eine Geldanlage, berechnet aus Zinsreihen von Zentralbanken.
  • Näherung: eine verwandte Reihe vor Beginn der eigentlichen Daten, zum Beispiel der US-Aktienmarkt für den Weltaktienmarkt.

Alle Reihen sind Monatsrenditen in Euro zum Monatsende. Daraus entsteht ein Kursindex mit dem Startwert 100 am Monatsende vor der ersten Rendite. Weil Anlageklassen nur Monatswerte haben, rechnet ein Backtest monatlich, sobald eine Anlageklasse beteiligt ist, auch wenn sie nur als Proxy dient. Lange Reihen über viele Jahrzehnte sind die Grundlage fast aller Aussagen über Risikoprämien; Dimson u. a. (2002) und Siegel (2014) haben solche Reihen für Aktien, Anleihen und Geldmarkt über mehr als hundert Jahre zusammengestellt.

Verkettung der Quellen

Die Verkettung geht die Kette von vorn nach hinten durch. Die erste Quelle mit Daten bildet den Kern. Jede weitere Quelle ergänzt nur Monate, die vor dem Beginn oder nach dem Ende des bisherigen Ergebnisses liegen. Sie verlängert also rückwärts und, falls der Fonds zuletzt keine Kurse hat, auch vorwärts. Verkettet werden Renditen, nicht Kurse: Der Kursindex entsteht erst danach aus den Monatsrenditen, deshalb gibt es an den Nahtstellen keine Sprünge im Niveau.

Lücken in der Mitte füllt der Code aus der ersten Quelle der Kette, die für diese Monate Daten hat. Bleibt trotzdem eine Lücke, verwirft er alles davor und nutzt nur den jüngsten lückenlosen Abschnitt, denn eine Reihe mit Löchern würde Kennzahlen wie die Volatilität verfälschen. Welche Quelle welchen Zeitraum liefert, zeigt auf der Seite die Tabelle „Datenabdeckung je Quelle“ mit Von, Bis und der Zahl der Monate.

Das Ergebnis wird zwölf Stunden zwischengespeichert. Fehlte beim Aufbau eine Quelle, gilt die Reihe nur eine Stunde und wird dann neu versucht. Scheitert ein Abruf ganz, nimmt der Code den letzten gespeicherten Stand, statt die Anlageklasse wegzulassen.

Synthetische Anleihen und Geldmarkt

Für Staatsanleihen gibt es lange Renditereihen, aber keine langen Kursreihen. Portfolio Lab rechnet deshalb eine Anleihe mit konstanter Restlaufzeit nach: Zum Monatsende wird eine Anleihe zu pari gekauft, ihr Kupon ist also gleich der aktuellen Rendite. Einen Monat später ist sie einen Monat kürzer, wird mit der neuen Rendite bewertet, verkauft und durch eine neue ersetzt. Die Monatsrendite besteht aus Kursänderung und aufgelaufenem Kupon:

r = y₀ · RBF(y₁, T − 1/12) + (1 + y₁)^−(T − 1/12) − 1 + (1 + y₀)^(1/12) − 1
y₀, y₁
Rendite am Ende des Vormonats und am Ende des Monats (dezimal p. a.)
T
Restlaufzeit der Anleihe in Jahren, zum Beispiel 10
RBF(y, t)
Rentenbarwertfaktor (1 − (1 + y)^−t) / y: Barwert jährlicher Kupons von 1 über t Jahre

Für Bundesanleihen dient die Zinsstrukturkurve börsennotierter Bundeswertpapiere als Quelle, zuerst als Tageswerte (davon der letzte Wert im Monat), dann als Monatsendstände. Die Monatsendstände reichen für zwei, fünf und zehn Jahre bis 09/1972 zurück, für 15 und 20 Jahre bis 06/1986. Für die Jahre davor nimmt der Code die zehnjährige Rendite oder, bei zwei Jahren, den 3-Monats-Zins in Deutschland als Näherung. Staatsanleihen anderer Länder entstehen aus der zehnjährigen Marktrendite in Landeswährung. Für Euro-Länder beginnen die Reihen erst 1999, weil frühere Renditen in den alten Landeswährungen galten und sich nicht sauber in Euro übertragen lassen.

Der Geldmarkt folgt derselben Logik mit einer einfacheren Formel: Die Monatsrendite ist der Zins zum Ende des Vormonats geteilt durch 12, bei 3 % p. a. also 0,25 %. Für den Euro-Geldmarkt nutzt Portfolio Lab zuerst einen Fonds auf den Tageszins, davor ein Geldkonto aus Tageszinsen (€STR, davor EONIA, davor Tagesgeld unter Banken in Frankfurt) und ersatzweise den 3-Monats-Zins.

Umrechnung in Euro

Quellen in Fremdwährung rechnet der Code Monat für Monat in Euro um. Die Euro-Rendite verbindet die Rendite in der Landeswährung mit der Veränderung des Wechselkurses im selben Monat:

r_EUR = (1 + r_lokal) · (1 + Δ Wechselkurs) − 1
r_lokal
Monatsrendite in der Währung der Quelle
Δ Wechselkurs
Veränderung des Euro-Preises einer Einheit dieser Währung vom Ende des Vormonats bis zum Monatsende

Die Reihen sind damit nicht währungsgesichert: Das Wechselkursrisiko steckt voll in der Euro-Rendite, wie bei einem ETF ohne Absicherung. Ob sich eine Absicherung lohnt, hängt von Horizont und Anlageklasse ab. Froot (1993) fand, dass sie über viele Jahre weniger Schwankung spart als über kurze Zeit; Campbell u. a. (2010) zeigen, dass manche Währungen Aktienrisiken sogar dämpfen. Mehr dazu im Artikel Währungsrisiko.

Den Euro gibt es erst seit 1999. Für die Zeit davor nimmt Portfolio Lab den Dollarkurs der D-Mark und rechnet ihn mit dem festen Umtauschkurs von 1,95583 D-Mark je Euro in einen Euro-Gegenwert um: ab 1999 Tageskurse, von 1960 bis 1998 Monatsendkurse und davor die festen Paritäten des Bretton-Woods-Systems bis zur Währungsreform im Juni 1948. Pfund, Yen, Franken sowie kanadischer und australischer Dollar laufen für die frühen Jahre über den US-Dollar.

Fondskosten

Ein Index kostet nichts, ein Fonds schon. Damit die Abschnitte zusammenpassen, zieht Portfolio Lab in Monaten aus Index-, Synthetik- oder Näherungsquellen die laufenden Kosten (TER) des Fonds der Anlageklasse ab, je Monat ein Zwölftel. In Fondsmonaten passiert nichts, weil die Kosten schon im Kurs stecken; dasselbe gilt für Näherungen, die selbst ein Fonds sind. Die hinterlegten TER reichen von 0 bis 1,75 % p. a. Unter „Einstellungen“ lässt sich der Abzug mit dem Schalter „Fondskosten in Indexabschnitten abziehen“ ausschalten.

Elton u. a. (2002) zeigten am ersten ETF in den USA, dass ein Indexfonds seinem Index im Mittel ziemlich genau um seine Kosten hinterherläuft. Der Abzug bildet nur diesen Teil nach. Steuern im Fonds, Handelskosten, Erträge aus Wertpapierleihe und andere Abweichungen vom Index bleiben außen vor.

Näherungen und Proxys

Näherungen sind das schwächste Glied der Kette: Sie messen etwas Verwandtes, nicht die Anlageklasse selbst. Beispiele sind US-Branchen vor dem Start weltweiter Sektor-ETFs, die zehnjährige Rendite für eine fünfjährige Bundesanleihe vor Beginn der Zinsstrukturkurve oder ein Rohstoff-Future vor dem passenden ETF. 66 der 202 Anlageklassen haben mindestens eine Näherung. Wer nur die eigentlichen Daten will, schaltet in den Einstellungen „Näherungen vor Beginn der Indexdaten“ aus; die Reihen beginnen dann später.

Dasselbe Prinzip gibt es für einzelne Wertpapiere im Backtest: Ein Proxy verlängert einen jungen ETF rückwärts. Der Code nimmt die Kurse des Proxys bis zum ersten Kurs des ETF und skaliert sie so, dass sie genau an dessen Startkurs anschließen. Vor dem Start zählen also nur die Renditen des Proxys.

Vorschläge kommen zuerst aus einer festen Zuordnung (etwa ein Welt-ETF zu @AKTIEN_WELT), sonst aus der Taxonomie. Kandidaten sind Anlageklassen derselben Unterkategorie, bei Zinsen, Credit, Geldmarkt, Rohstoffen und Immobilien auch derselben Hauptkategorie. Jeder Kandidat bekommt Punkte; der beste wird vorgeschlagen, drei weitere stehen zur Wahl:

MerkmalPunkte
gleiche Unterkategorie / nur gleiche Hauptkategorie100 / 60
gleicher Stil, etwa Value+20 (Faktor-Klasse für einen breiten Fonds −30, sonst abweichend −15)
Small Cap gegen Large Cap−40
gleiche Größenklasse+10
Laufzeitklasse gleich / benachbart / weiter entfernt+50 / +20 / −20
gleiche Währung+5
Kerngruppe Aktien, Anleihen oder Edelmetalle+10
Name enthält ein Stichwort der Anlageklasse+25 (Sektor ohne Stichwort −40)

Keine Vorschläge gibt es für Einzelaktien, gehebelte oder inverse Produkte und nicht zugeordnete Wertpapiere. Übernommen wird ein Proxy nur, wenn er mindestens 365 Tage früher beginnt als das Wertpapier und das Wertpapier erst nach dem gewählten Startdatum beginnt. Eine verlängerte Reihe ist trotzdem keine echte Historie des Fonds; Brown u. a. (1992) zeigen, wie schon die Auswahl der Reihen, die es bis heute gibt, Ergebnisse verzerren kann.

Auswertung auf der Seite

Die Seite Anlageklassen lädt die gewählten Gruppen, voreingestellt Aktien, Anleihen und Edelmetalle. Die Übersicht zeigt Beginn, Ende, Jahre, CAGR, die Volatilität (Standardabweichung der Monatsrenditen × √12), den maximalen Drawdown und das erste Jahr jeder Quellenart. Für die Auswahl (voreingestellt Aktien Welt, Bundesanleihen 10 J., Gold und Geldmarkt Euro) folgen Wertentwicklung, Kennzahlen wie in der Methodik der Kennzahlen, Jahresrenditen nur für volle Kalenderjahre und die Korrelation der Monatsrenditen. Mit „Gemeinsamer Start“ beginnen alle Reihen im selben Monat, sonst nutzt jede ihre ganze Länge. Alle Monatsrenditen lassen sich als CSV laden.

Grenzen der langen Reihen

  • Gold vor 2000 beruht auf Monatsdurchschnitten statt Monatsendkursen. Durchschnitte glätten: Die Schwankung wirkt kleiner, und aufeinanderfolgende Renditen sind künstlich korreliert. Working (1960) zeigte, dass schon eine reine Zufallsreihe so eine Autokorrelation von bis zu 0,25 bekommt.
  • Gold 2000 bis 2008 stammt aus dem laufenden Terminkontrakt: Beim Wechsel auf den nächsten Kontrakt springt der Kurs um den Aufschlag des späteren Termins, zwischen den Wechseln baut sich der Aufschlag wieder ab. Auf Dauer folgt die Reihe dem Goldpreis, einzelne Monate sind aber leicht verzerrt. Wie bei Indexdaten wird auf Wunsch die Gebühr von Xetra-Gold abgezogen.
  • Indexdaten sind keine Fondsdaten: Der Kostenabzug ist pauschal, Steuern im Fonds und Tracking-Abweichungen fehlen.
  • Synthetische Anleihen sind idealisiert: kein Ausfallrisiko, jeden Monat zu pari gekauft, keine Geld-Brief-Spanne. Echte Rentenfonds halten eine Mischung von Laufzeiten.
  • Faktorrenditen nach Fama und French sind wertgewichtete Forschungsportfolios mit einem breiteren Aktienuniversum als die üblichen Indizes.
  • Überlebende Märkte: Lange Reihen gibt es vor allem für Märkte, die es bis heute gibt; ihre Renditen überzeichnen eher, was Anleger damals erwarten durften Dimson u. a. (2002).
  • Monatswerte verdecken Bewegungen innerhalb eines Monats; ein Drawdown wirkt dadurch meist etwas kleiner als mit Tageskursen.

Häufige Fragen

Warum beginnt eine Anlageklasse später als erwartet?

Bleibt in der Kette eine Lücke, nutzt der Code nur den jüngsten lückenlosen Abschnitt. Ohne Näherungen fallen außerdem die ältesten Abschnitte weg, und Staatsanleihen einzelner Euro-Länder beginnen erst 1999. Die Tabelle „Datenabdeckung je Quelle“ zeigt, welche Quelle welche Monate liefert.

Sind die Renditen vor oder nach Kosten?

Nach Kosten, solange der Abzug eingeschaltet ist (Voreinstellung): Fondsmonate enthalten die Kosten im Kurs, in allen anderen Monaten zieht der Code ein Zwölftel der TER ab. Steuern berechnet erst der Backtest, je nach Steuerkategorie der Anlageklasse (Aktienfonds, sonstiger Fonds, Gold mit Lieferanspruch, Krypto oder ETC).

Sind die Reihen währungsgesichert?

Nein. Alle Reihen sind in Euro ohne Absicherung gerechnet, Wechselkursschwankungen stecken voll in der Rendite. Eine gesicherte Variante bräuchte zusätzlich die Zinsdifferenz zwischen den Währungen, die Portfolio Lab hier nicht einrechnet.

Wie unterscheidet sich eine synthetische Anleihe von einem Rentenfonds?

Die synthetische Anleihe hat immer genau dieselbe Restlaufzeit, kein Ausfallrisiko und keine Kosten außer dem TER-Abzug. Ein Rentenfonds hält viele Anleihen mit verschiedenen Laufzeiten und tauscht sie nach eigenen Regeln. Über längere Zeit verlaufen beide ähnlich, in einzelnen Monaten können sie deutlich abweichen.

Kann ich eine Anlageklasse als Proxy für meinen ETF nutzen?

Ja. Im Backtest lässt sich jedem Wertpapier ein Proxy zuordnen, auch ein Symbol mit @. Der Backtest rechnet dann monatlich, weil Anlageklassen nur Monatswerte haben.

Literatur

  1. Brown, Stephen J.; Goetzmann, William; Ibbotson, Roger G.; Ross, Stephen A. (1992): Survivorship Bias in Performance Studies. Review of Financial Studies 5 (4), S. 553–580. doi:10.1093/rfs/5.4.553
  2. Campbell, John Y.; Serfaty-de Medeiros, Karine; Viceira, Luis M. (2010): Global Currency Hedging. The Journal of Finance 65 (1), S. 87–121. doi:10.1111/j.1540-6261.2009.01524.x
  3. Dimson, Elroy; Marsh, Paul; Staunton, Mike (2002): Triumph of the Optimists: 101 Years of Global Investment Returns. Princeton University Press.
  4. Elton, Edwin J.; Gruber, Martin J.; Comer, George; Li, Kai (2002): Spiders: Where Are the Bugs?. The Journal of Business 75 (3), S. 453–472. doi:10.1086/339891
  5. Froot, Kenneth A. (1993): Currency Hedging over Long Horizons. National Bureau of Economic Research, Working Paper 4355. doi:10.3386/w4355
  6. Siegel, Jeremy J. (2014): Stocks for the Long Run. McGraw-Hill Education, 5. Auflage.
  7. Working, Holbrook (1960): Note on the Correlation of First Differences of Averages in a Random Chain. Econometrica 28 (4), S. 916–918. doi:10.2307/1907574

Gesamtes Literaturverzeichnis

Diese Seite beschreibt, wie Portfolio Lab rechnet; Ergebnisse aus der Vergangenheit sind keine Prognose. Alle Begriffe im Glossar.